Swiss Connection Revisited
Zürich sei die Finanz-Ganoven-Hauptstadt dieser Welt, sagt ein neues Buch, doch die Geschichte von David und Tess spricht eine andere Sprache: London is the capital of global financial crime.
Diese Geschichte begann vor zwanzig Jahren, als sich der linke Anwalt David Mills und die linke Sozialarbeiterin Tessa Jowell verliebten, zwei Labour Aktivisten aus dem Londoner Stadtteil Camden.
David und Tessa, ein
Bild aus besseren Zeiten
Linksradikal, oder Gott behüte gar trotzkistisch, gaben sich David und Tess nicht, doch Linke waren die beiden allemal.
1979 wurde geheiratet, im gleichen Jahr als die eiserne Lady Thatcher die Genossen für 18 lange Jahre in die Wüste schickte.
Tess hielt durch, militierte unverdrossen weiter, lernte Tony kennen, machte sich beim Aufbau von New Labour nützlich und bekam schliesslich nach dem Wahlsieg von 1997 das Amt einer Gesundheitsministerin des Vereinigten Königreiches.
Später wechselte sie ins Kultur- und Sportministerium, wo Blairs treue Wasserträgerin heute als Kabinettsmitglied der ersten Garde vor allem für die kommende Londoner Olympiade zuständig ist.
David hingegen, beendete seine erfolglose Karriere als Labour-Lokalpolitiker nach dem Triumph Thatchers und konzentrierte sich fortan auf seine Berufskarriere als Geschäftsanwalt in der City - Was Anfangs der Achtzigerjahre für einen ausgemusterten Labour-Lokalpolitiker in diesem konservativen Habitat gar nicht so einfach war.
Auf den Genossen Mills aus Camden Town hatte in der City keiner gewartet.
Doch Mills hatte Glück und bekam bei einem Ausländer eine Chance, nämlich beim Londoner Ableger des Mailänder Studio Legale Carnelutti Associati, der ursprünglich in Venedig gegründeten ältesten Anwaltskanzlei Italiens.
Mills lernte italienisch, was seine Kunden aus dem Süden besonders schätzten, darunter auch ein gewisser Silvio Berlusconi.
Als sich Mills Ende der Achtzigerjahre selbständig machte, konnte er den Cavaliere als Kunden behalten und avancierte zum wichtigen Berater Berlusconis in Fragen des internationalen Finanzverkehrs.
Mills avancierte zum Chefarchitekt der komplexen Offshore- Struktur, die Berlusconi im Ausland, parallel zum Aufstieg in Italien aufbaute, um die Spur seiner Finanztransaktionen zu verwedeln.
Mehr zu dieser Struktur im Dossier Berlusconi von Paolo Fusi, Michele Gambino und Gian Trepp in der mittlerweilen gestorbenen Römer Zeitschrift Avvenimenti vom Juli 1995, sowie in meinem Buch Swiss Connection vom September 1996.
Nachdem Berlusconi 1994 in die Fänge der Mani-Pulite-Staatsanwälte im Palazzo di Giustizia in Mailand geraten war, und die Schweizer Justiz nach anfänglichem Widerstand den Mailänder Kollegen Rechtshilfe leistete, wurde der zuvor sichere Platz Lugano für Berlusconis Offshore-Strukur zum Hochrisiko.
Weil das Schweizer Bankgehimnis ein Loch bekommen hatte, beauftragte der Cavaliere seinen Offshore-Architekten die Zentrale der Struktur von Lugano nach London zu verlegen.
Arbeitslos wurden Berlusconis tessiner Vertrauensmänner deswegen nicht: etwa Pier-Felice Barchi, der grosse alte Mann des tessiner Freisinns, in dessen Kanzlei die junge Carla Del Ponte einst ihre ersten Schritte im Anwaltsgewerbe absolvierte, oder Lucio Velo von der Arner Bank, dem die Bankenkommission mittlerweilen die Banklizenz entzog, oder auch die beiden erfahrenen Treuhänder Giorgio Ferrechi und Mario Postizzi.
Doch für den Cavaliere waren die post-mani-pulite-Luganesi nur noch zweite Wahl, Nummer eins war jetzt klar London.
Nach dem Hammerschlag aus Mailand 1994 brauten sich in New York neue dunkle Wolken über dem Finanzplatz Schweiz zusammen. 1995 gab US-Präsident Clinton dem Jüdischen Weltkongress (JWK) einen Blankoscheck für eine Restitutionskampagne in Sachen nachrichtenlose jüdische Konti gegen die Schweizer Grossbanken, den sein Vizeminister Stuart Eizenstat gemeinsam mit dem JWK rasch zu einer generellen Reparationskampagne wegen Nazi-Kollaboration gegen die Schweiz als Land ausweiteten.
Die Schweizer Neutralität im Zweiten Weltkrieg war ein Verbrechen, geisselte JWK-Präsident Israel Singer, der mittlerweilen wegen Finanzkorruption von seinem Amt hat zurücktreten müssen, in der Zeitung NZZaS die vom Krieg verschont gebliebene Eidgenossenschaft.
Unter dem doppelten Druck von Mani Pulite und Eizenstat/JWK auf das Bankgeheimnis des Finanzplatz Schweiz, musste die UBS nach London ausweichen, wenn sie im Offshore-Business noch etwas zu husten haben wollte.
1996 kaufte die UBS in London eine der grössten Unternehmungen im Offshore-Business: die Edsaco.
Doch in der Edsaco lag ein Kuckucksei versteckt!
Nachdem die damaligen UBS-Chefs Robert Studer und Mathis Cabiallavetta realisiert hatten, dass die von Mills geleitete neue Londoner-Berlusconi-Offshore-Struktur - mit Namen CMM-Services - in die Edsaco eingefaltet war, zwangen sie Mills, die CMM-Services aus der Edsaco herauszulösen
Der Cavaliere als Kunde war für die von Mani Pulite und dem Jüdischen Weltkongress auf die Knie gezwungene grösste Bank der Schweiz UBS allzu riskant.
Mills hingegen, behielt 1996 auch nach der grossen Razzia des Serious Fraud Office, der britischen Spezialpolizei zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität, auf den Geschäftssitz der Edsaco an der vornehmen Regent Street die Nerven und veriet seinen Kunden Berlusconi nicht.
Über Mills, die Skandalnudel Edsaco und die Verlegung von Berlusconis Offshore-Struktur von Lugano nach London, schrieb ich 1997 für das Magazin des Zürcher Tages-Anzeigers einen Artikel.
Der damalige Magazin Chefredaktor fand den Text gut, musste jedoch unter dem Druck der UBS auf die Chefs von Tamedia auf eine Publikation verzichten - Studer, Cab & Co. wollten nicht in der Zeitung lesen, wie sie einen guten Kunden im Regen hatten stehen lassen.
Ich meinerseits bekam zum Trost einen netten Brief und ein anständiges Ausfallhonorar obendrein.
Die Zeit vergeht
Seither sind fast zehn Jahre vergangen während denen sich Berlusconis Londoner "faccendiere" Mills eine goldene Nase verdient hat - die teuren Hypotheken auf dem schönen Stadthaus im West End und auch Weekendhaus im Grünen sollen mittlerweilen abbezahlt sein.
Nachdem des Herrn Mills Geschäfte in den vergangenen Jahren bereits mehrfach ins Gerede der britischen und italienischen Presse gekommen waren, platzte dann der Skandal.
Auf den Frontseiten der gesammelten Britischen Sonntagspresse war Anfang März 2006 von 600'000 US-Dollar Berlusconi-Schmiergeldern die Rede, die Mills als Dank für Falschaussagen vor italienischen Richtern kassiert haben soll, über die auch seine Frau informiert gewesen sein soll.
In Mailand kam es deswegen zur Anklage gegen Mills und Berlusconi, am 5. Juni 2006 findet die erste Anhörung vor dem Richter statt. Am 7. Juli 2006 erhob der Mailänder Staatsanwalt Fabio Paparella Anklage gegen Berlusconi, Mills und einige weitere Personen wegen Bilanzfälschung, Steuerbetrug und weitere Wirtschaftsdelikte. Den Beginn des Prozesses hat Richter Paparella auf den 21. November 2006 festgelegt - wer weiss vielleicht erwischt es den schlauen Cavaliere am Ende doch noch.
Neben seinem Italiengeschäft, betrieb Mills auch ein Irangeschäft - Ein lukratives Geschäftsfeld auf das die UBS und auch die Credit Suisse kürzlich offiziell verzichtet haben - Angeblich freiwillig, doch deutet vieles darauf hin, dass die US-Regierung den Boys von der Zürcher Bahnhofstrasse den Colt auf die Brust gesetzt hat.
Auf dem erstklassigen Finanzplatz London finden Berlusconi und der Iran willige Dienstleister an bester Adresse, auf dem nunmehr zweitklassigen Finanzplatz Zürich sind Berlusconi und der Iran für die UBS tabu.
Ministerin Tessa Jowell hat sich von ihrem kompromittierenden Ehemann distanziert und dem den gemeinsamen Haushalt nach gut 27 Ehejahren verlassen. (A propos Konspirationstheorie: Böse Zungen behaupten, die gute Katholikin Tessa sympathisiere mit dem Opus Dei, und ihre politische Allianz mit dem praktizierenden Vatikanfreund Tony sei im Himmel geschlossen worden.)
Die kampfgestählte einstige Nord-Londoner Sozialarbeiterin entschied sich für den Mininsterposten und gegen den Ehemann - Wo die Schweizer Justizministerin Elisabeth Kopp ihren Ehemann Hans, der sie ebenfalls mit dubiosen Geschäften kompromittiert hatte, dem Amte vorzog.
Ongoing story:
6. April 2006 Berlusconi greift die Justiz an und erklärt sich mit einer neuen Version der Mills-Geschichte als unschuldig: nuova versione sopra Mills secondo il cavaliere. I documenti del ex-premier presentati alla stampa. Le prove di Berlusconi - Corriere della Sera
21. Mai 2006 Die beiden Mailänder Staatsanwalt Fabio de Pasquale and Alfredo Robledo schlafen nicht: Neue Beweise gegen Mills, meldet die Sunday Times.
31. Oktober 2006 Staatsanwalt Fabio Paparella erhebt Anklage gegen Berlusconi und Mills wegen Bestechung. Der Prozess soll am 13. März 2007 vor der 10. Kammer des Mailänder Strafgerichtes beginnen. Das Verfahren wird zusammengelegt mit dem bereits auf den 21. November 2006 terminierten Verfahren gegen Berlusconi und Mills wegen Steuerhinterziehung und Bilanzfälschung.