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Der Zürcher Journalist Gian Trepp hat
jahrelang die Schattenseiten des Finanzplatzes Schweiz aufgearbeitet. Als der
Streit um das Nazi-Gold am Paradeplatz losbrach, stand Trepp mit seinem Buch «Swiss Connection» international im Rampenlicht. Ein Sieg der
Hartnäckigkeit.
«Swiss Connection», Ihr Buch über die Geldwäscherei,
erscheint bereits in der zweiten Auflage. Wie erklären Sie sich diesen Erfolg?
Für mich ist es ein Zeichen, dass das Thema Finanzplatz nach wie vor sehr
wichtig ist. Das Publikum weiss um dessen enorme Bedeutung für die Schweiz,
nicht nur in wirtschaftlicher, sondern auch in politischer Hinsicht. Die Leute
sind sich der Bedeutung der globalen Geldflüsse bewusst geworden, grosse
Skandale etwa um den Financier Werner K. Rey haben dazu beigetragen.
Jürg Stäubli, ein Financier in Genf, hat Ihr Buch sofort nach Erscheinen
gerichtlich verbieten wollen.
Sicher hat auch die superprovisorische Massnahme eines Genfer Richters dazu
beigetragen, dass das Buch bekannt geworden ist. Glücklicherweise haben die Anwälte
Stäublis vergessen, auch die Buchhandlungen mit einem Verbot zu belegen, das
Buch konnte trotzdem verkauft werden. Bereits nach zwei Wochen hob der Genfer
Richter seine eigene Massnahme wieder auf. In der Folge kam es unter der
Aufsicht eines Zürcher Bezirksrichters zu Vergleichsverhandlungen. Nach Meinung
des Richters habe die Fassung der ersten Auflage bei Durchschnittslesern den
Eindruck entstehen lassen, Stäubli und sein Unternehmen seien in einen Fall von
Geldwäscherei verwickelt, was allerdings im Text nirgends behauptet wurde. Eine
geänderte Titelüberschrift, ein neu formulierter Einstieg ins entsprechende
Kapitel und ein paar Korrekturen in der Biographie Stäublis trugen der
richterlichen Kritik Rechnung.
Inzwischen wurde Jürg Stäubli verhaftet.
In meinem Buch wollte ich auf die unklare Finanzierung von Stäublis Geschäften
hinweisen. Wenn jetzt die Waadtländer Justiz einen schweren Verdacht hegt, dass
sich Stäubli deliktisch verhalten habe, bin ich, ehrlich gesagt, nicht
erstaunt.
Ist Stäubli von den Leuten, die ihn bisher beschützt haben, fallengelassen
worden?
Pierre Arnold, unter anderem ehemaliger Migros-Chef, stand an der Spitze von
Stäublis Wirtschaftsimperium. Kürzlich hat er den Abgang durch die Hintertüre
gewählt und ist ohne Kommentar von allen Ämtern in Stäublis Firmen zurückgetreten.
Ihre Frage kann also nur Pierre Arnold beantworten.
Nun taucht der Verdacht auf, Stäublis Firmenkonglomerat sei von der
russsischen Mafia unterwandert worden.
Dazu kann ich nichts sagen. Sehen Sie, ich beschäftige mich mit an sich
legalen, wenn auch undurchsichtigen finanziellen Vorgängen und nicht mit
kriminalistischer Fahndung.
Seit über zehn Jahren schreiben Sie über den Finanzplatz Schweiz. Aber erst
«Swiss Connection» hat Ihnen den Aufstieg in die Bestsellerlisten gebracht.
Plötzlich lädt man mich in Fernsehshows ein, in der «Zeit» haben sie
geschrieben, ich sei für die Geldschieber auf dem Finanzplatz Schweiz eine grössere
Gefahr als Jean Ziegler. Ich kam in der «Financial Times», die BBC war bei
mir, das italienische Fernsehen und so weiter. Das hängt wohl damit zusammen,
dass mein 1993 erschienenes Buch über die Zusammenarbeit zwischen den
Alliierten und den Nazis während des Zweiten Weltkriegs in der Bank für
Internationalen Zahlungsausgleich in den vergangenen Monaten neue Aktualität
gewonnen hat.
Rund 2000 Personen kommen in Ihrem Buch vor, pro Seite sind das fünf neue
Namen und Firmen. Paolo Bernasconi, der frühere Staatsanwalt des Kantons
Tessin, bezeichnete das Buch als einen Verschnitt von Telefonbuch und
Handelsregisterauszügen.
Ein Grossteil dieser Namen steckt in den Fussnoten. Der Versuch, etwas
Unsichtbares sichtbar zu machen, ist ja nicht ganz einfach, und Finanzgeschäfte
sieht man nicht. Das hat mich dazu gezwungen, die Stationen des Geldes entlang
von Institutionen und Personen aufzuzeigen. Es ist einfacher, etwa über
internationale Handelsstrukturen zu schreiben, da hat man Waren, man kann
Rohstoffe beschreiben, Zwischenprodukte, Fabriken, die Produkte am Ende eines
Fliessbandes ausspucken. Bestimmte Banken, Scheinbanken oder die riesigen
Anwaltskanzleien mit Dutzenden von Namen auf dem Briefkopf sind zwar auch
Fabriken, aber eben Geldfabriken. Das Geld wird in diesen Fabriken kaum je
sichtbar, es kommt elektronisch herein und wieder hinaus.
Warum haben Sie so nüchtern geschrieben?
Der Stil musste sachlich bleiben. Die Leute, über die ich schreibe, sind
reiche Leute, einflussreiche Leute, die schnell prozessieren, wenn sie sich
angegriffen fühlen. Vier Klagen laufen zurzeit gegen mich, eine fünfte habe
ich selbst gegen die Firma Fimo AG in Chiasso angestrengt.
In Ihrem Buch klagen Sie nicht an.
Die Anklageerhebung ist Aufgabe der Justizorgane, nicht des Journalisten.
Zumal nicht alles so eindeutig ist, wie man sich das vorstellt. Denn das Geld,
über das ich schreibe, ist zwar schmutziges Geld, oder mindestens
kontaminiertes Geld, aber es fliesst über genau dieselben Kanäle wie das
sogenannte saubere Geld. Das ist ein komplexes System, dessen Funktionsweise ich
erst einmal detailliert aufzuzeigen versuchte.
Also sind diese Geldflüsse gar nicht illegal?
Niemand kann nach der Analyse dieser Systeme mit Sicherheit sagen: Das ist
Geldwäscherei, gerade weil sich die Geldwäscherei in den Nischen der legalen
Geldflüsse abspielt. In diesen Nischen werden die Gelder gereinigt, über
mehrere Stufen, 20, 30, manchmal noch mehr. Wir haben es dabei nicht nur mit
Geldern aus dem Drogenhandel zu tun, sondern auch mit den Gewinnen einer
illegalen Pizzeria in einem Hinterhof, mit Geldern aus Steuerhinterziehung, mit
Geldern aus der Schattenwirtschaft, ein Zweig, der in den letzten Jahren enorm
zugenommen hat.
Eine Technik der Geldwäscherei besteht darin, das schmutzige Geld über
sogenannte Offshore-Gesellschaften, die einen juristischen Spezialstatus haben,
zirkulieren zu lassen.
Ja, am besten geht es, wenn man über eine Kaskade von
Offshore-Gesellschaften verfügt, beispielsweise auf den British Virgin Islands,
in Luxemburg, dazu eine Anstalt in Liechtenstein und dann eine honorige
Aktiengesellschaft in Zürich. Die kargen gesetzlichen Vorschriften auf den
Offshore-Plätzen ermöglichen die Verschleierung der Identität der
wirtschaftlich Berechtigten hinter den Transaktionen und damit die Vermischung
von schmutzigem mit sauberem Geld. Ist das Geld nach einigen solchen
Durchlaufstationen bei der Zürcher AG angelangt, scheint es sauber zu sein.
Dabei sind die Verbindungen zu den «Onshore»-Gesellschaften oftmals von aussen
nicht ersichtlich.
Wie meinen Sie das?
Wir haben es heute mit Konstruktionen zu tun, die ich als virtuelle
Parabanken bezeichne. Virtuelle Parabanken sind Gebilde, die juristisch überhaupt
nicht zusammenhängen. Die Aktivseite, die das Kapital investiert, befindet sich
zum Beispiel in der Schweiz, die Passivseite, die das Kapital beschafft, ist auf
einem Offshore-Platz, beispielsweise auf der britischen Kanalinsel Jersey, aber
wirtschaftlich gehören die beiden Seiten zusammen wie das Soll und Haben einer
Bilanz. Die Gebilde werden für Geschäfte an den globalen elektronischen
Kapitalmärkten gebraucht und verschwinden dann wieder.
Für welche Geschäfte werden sie gebraucht?
Virtuelle Parabanken sind undurchschaubar und eröffnen so ganz allgemein
unendliche Möglichkeiten für die Geldzirkulation. In der heutigen Zeit des
globalen, deregulierten Wirtschaftens sind virtuelle Parabanken für Leute, die
mit heiklen Finanztransaktionen oder mit hinterzogenen Steuern zu tun haben,
beinahe schon eine Notwendigkeit.
Den typischen Geldwäscher alter Schule gibt es also gar nicht?
Doch. Nehmen wir den Fall des Herrn Giuseppe Lottusi, der Gelder für das
Medellín-Kartell gewaschen hat. Er benützte dafür die Dienste der Fimo in
Chiasso und der Trade Development Bank in Genf. Lottusi ist ein Geldwäscher,
der in Chiasso plastikverpackte Lirenoten anlieferte, die sich dann in eine
Bankgutschrift in Caracas verwandelten. Der Internationale Währungsfonds hat kürzlich
errechnet, das jährlich rund 500 Milliarden Dollar gewaschen werden, das sind
etwa zwei Prozent des Weltbruttosozialprodukts. Diese Summe lässt darauf
schliessen, dass alle Geldflüsse dieser Welt von den schmutzigen Geldern
kontaminiert sind.
Die Banken haben recht, wenn sie behaupten, sie seien unschuldige Opfer der
Geldwäscher.
Sicher gibt es viele Bankleute, die das Waschen von schmutzigem Geld
kategorisch bekämpfen. Dann aber gibt es andere, Bankiers, Treuhänder, Anwälte,
die bereit sind, schmutziges Geld in den normalen Kreislauf zurückzuführen,
wenn nur genügend viele Vorwaschstationen vorgeschaltet sind. Erst wenn das
Geld diese und jene Stationen durchlaufen hat, wenn es sozusagen schon gut
vorgewaschen ist, steigen sie ein.
Warum schadet dieses schmutzige Geld?
Es schafft neue Machtverhältnisse, weil diejenigen, die erfolgreich Geld
gewaschen haben, plötzlich aus dem Nichts auftauchen. Sie haben sich ihr Geld
nicht auf legalem Wege verdient, sie sind eines schönen Tages da, erwerben sich
Mehrheiten an Firmen, kontrollieren sie mit einem Mal. Aus der wirtschaftlichen
Macht wächst die politische Macht, und damit wird das gewaschene Geld zur
Gefahr für die Demokratie.
Wie kann so etwas verhindert werden?
Überwachung der Finanztransaktionen und Repression gegen die Geldwäscher
allein genügen nicht. Die Veränderungen müssten auf der Ebene der
Realwirtschaft geschehen, man müsste das Geld wieder in Bezug setzen zum realen
Wirtschaften, zum Produzieren von Waren, zum Handeln mit Gütern und so weiter.
Das ist übrigens auch der Ansatz der Ermittlungsbehörden: Sie fragen, wenn sie
einer Geldtransaktion auf der Spur sind, nach der wirtschaftlichen Plausibilität
bei der Herkunft dieses Geldes.
Wie haben Sie konkret recherchiert?
Es begann mit den Ermittlungen der «Mani pulite»-Staatsanwälte in Mailand,
die 1992 massiv gegen die Korruption vorgingen. Bald bestätigte sich die
Vermutung, dass viele Geldkanäle der italienischen Korruption über die Schweiz
liefen, und ich begann zu recherchieren, gemeinsam mit dem italienischen
Journalisten Paolo Fusi. Wir folgten den Namen, die in der Affäre auftauchten -
Fimo, ENI, Pierfrancesco Pacini Battaglia, Florio Fiorini. Mehr als die Namen
hat man zu Beginn nicht, man muss nach Italien reisen, sich mit Journalisten und
Staatsanwälten unterhalten.
Sie haben beschrieben, wie Millionen italienischer Schmiergelder auf
Schweizer Konten landeten. Dachten Sie nie: Jetzt bin ich am grossen Skandal
dran, und wenn ich das schreibe, kostet das jemanden Kopf und Kragen.
Ich bin nicht an die Arbeit gegangen, um jemanden zu jagen oder zu erledigen.
Ich habe Informationen gesammelt, habe zu rekonstruieren begonnen. Für einen
Fall konsultierte ich nacheinander das Handelsregister in Luxemburg, dann
dasjenige in London, fuhr schliesslich nach Mendrisio. So ging das mehrmals, und
wenn ich Glück hatte, tauchten Namen auf, die bestimmte Verbindungen
verdeutlichten.
Was ist das Besondere an einem Geldwäscher?
Wenn ich mich in die Psyche eines solchen Menschen hineinversetzen müsste,
dann würde ich am ehesten den Begriff Schreibtischtäter benutzen. Als Geldwäscher
muss man nichts anfassen, das schmutzige Geld hinterlässt keine Spuren, es gibt
immer nur «mani pulite», saubere Hände.
Sie haben die Erfahrung gemacht, wie schwierig es ist, als Journalist die
Personen zu benennen, die in einer Grauzone des Finanzgeschäfts operieren.
Die Einschüchterung mit Klagen gegen Publikationen ist heute leider ein gebräuchliches
Mittel, um kritische Medienleute mundtot zu machen.
Gibt es Ereignisse, über die Sie in Ihrem Buch nicht schreiben konnten?
Ja, aber ich kann hier keine Namen nennen.
Es geht um respektable Persönlichkeiten in der Schweiz?
Es geht um honorige Persönlichkeiten, die, so bin ich überzeugt, ihren
guten Namen zur Verfügung stellen, um dunkle Geschäfte zu decken - ob sie in
gutem Glauben handeln oder aus Gewinnabsicht, sei dahingestellt. Leider war es
mir nicht möglich, die Beweiskette für ihre Geschäfte so lückenlos zu
erstellen, um vor Gericht bestehen zu können.
Die politische Klasse in der Schweiz ist offenbar nicht in grossem Stil, wie
etwa in Italien, über dubiose Geschäfte gestolpert.
Franz Steinegger, immerhin Präsident der FDP, war Verwaltungsrat der
Schweizer Filiale der italienischen Baufirma CSC in Lugano, die in Italien
beschuldigt wird, sie habe ihrer italienischen Muttergesellschaft als
Durchlaufstation für Schmiergelder gedient - nun: Dieser Umstand scheint
hierzulande gar niemanden zu interessieren, das geht politisch einfach durch.
Auch der Fall des Bündner Alt-Ständerats Luregn Mathias Cavelty,
Ex-Verwaltungsratspräsident der Saipem AG in Zürich, einer Tochter der
korruptionsgeschüttelten ENI, ist exemplarisch. Trotz aller Hinweise, dass die
Saipem in dubiose Geschäfte verwickelt war, konnte sich Cavelty mit dem
Hinweis, das alles sei eine Angelegenheit der italienischen Muttergesellschaft,
aus der Affäre ziehen. In einem anderen Land wäre das wohl nicht möglich
gewesen.
Warum dann in der Schweiz?
Es gibt in dieser Beziehung ein permissives Klima in diesem Land, ein Gefühl
von Unberührtheit gegenüber dem Weltgeschehen, das ganz tief in die kollektive
Psyche eingegraben ist. Man ist nicht in der Uno und nicht in der EU, man hat
mit Geld zu tun, und Geld ist eben sauber, das bewegt sich alles auf der
Zirkulationsebene, auf einer virtuellen Ebene, wo man es nicht mit Menschen zu
tun hat, nicht mit Krieg oder mit Blut. Sehr deutlich ist das im Fall der
Skandalbank BCCI geworden. Weltweit wurden die Filialen der BCCI wegen skandalöser
und krimineller Geschäfte geschlossen, zahlreiche Kaderleute der Bank wurden zu
hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Nur die Schweizer Behörden schritten gegen
die BCCI nicht ein, die Schweizer Filiale war offenbar die einzige weltweit, die
absolut sauber geschäftet hat.
Was macht den Finanzplatz Schweiz für diese Seilschaften so attraktiv?
Einmal die bekannten Dinge, das Bankgeheimnis, tiefe Einkommenssteuern für
besonders hohe Einkommen, die äusserst langsamen Rechtshilfeverfahren, die
allerdings durch das neue Rechtshilfegesetz etwas beschleunigt wurden. Die
gesetzlichen Rahmenbedingungen sind in der Schweiz für einen, der in grossem
Stil Geld waschen will, nicht ungünstig, auch nach Einführung des
Geldwaschparagraphen. Man findet in der Schweiz viele qualifizierte
Finanzfachleute im Parabankensektor, und das goldene Dreieck Zürich-Genf-Lugano
vergrössert die Einflusssphären der drei Finanzplätze in die drei Nachbarländer
hinaus - Norditalien zum Beispiel ist für das Tessin eine Art vergrösserter
Heimmarkt für Finanzgeschäfte.
Die Auseinandersetzungen rund um die Vermögen von jüdischen Nazi-Opfern in
der Schweiz zeigen, dass die Attraktivität des Finanzplatzes Schweiz historisch
gewachsen ist.
Ja, man kann sagen, dass das Vertrauen bestimmter Kreise in die Schweiz in
den Jahren des Zweiten Weltkriegs zum Ausgangspunkt des heutigen Finanzplatzes
wurde. Nach über 50 Jahren muss die Schweiz vom Ausland her an ihre
unverarbeitete Vergangenheit erinnert werden. Die Geschichte der Schweizer
Banken im Zweiten Weltkrieg muss erst noch geschrieben werden. Meine Befürchtung
ist, dass der noch viel zuwenig thematisierte, systematische Einbau der Schweiz
in das zusammengebrochene italienische Schmiergeldsystem zur unverarbeiteten
Vergangenheit von morgen werden könnte. Deshalb, meine ich, sollten wir uns
heute sehr kritisch mit dem Finanzplatz Schweiz auseinandersetzen.
Und ein Kapitel, das ebenso aufgearbeitet werden müsste, betrifft die Vermögen
verschiedenster Potentaten auf der ganzen Welt.
Man kann schulterzuckend zur Kenntnis nehmen, dass der Finanzsektor lukrativ
ist. Aber wenn es überhaupt eine Moral im Geldgeschäft gibt, muss man sich die
moralische Frage stellen, ob es einem egal ist, wenn in den Tresoren der
Nationalbank in Bern unter dem Bundesplatz noch Goldbarren liegen, die aus den
Goldzähnen von Auschwitz-Opfern hergestellt wurden. Ob es egal ist, wenn die
Milliarden, die Mobutu seinem Volk gestohlen hat, an der Bahnhofstrasse
verwaltet werden.
Die Schweiz könnte sich auch offen und ehrlich als Offshore-Finanzplatz
deklarieren, zu einer Insel des freien Geldverkehrs, ob schmutziges oder
sauberes Geld wäre da gleichgültig.
Über die zukünftige Entwicklung bin ich mir unsicher. Natürlich kann sich
keine Regierung öffentlich zum Gangstertum bekennen, aber die Schweiz muss sich
tatsächlich in absehbarer Zukunft innerhalb der Weltwirtschaft neu
positionieren. Denn die Zeit von Schokolade, Uhren und Maschinen ist vorbei, und
vielleicht kommt morgen einer, der sagt: Financial services, das brauchen wir,
damit wir in diesem Land noch ein Auskommen haben. Die Gesetzgebung würde sich
dann voll auf die Bedürfnisse einer gewissen diskretionsbedürftigen ausländischen
Kundschaft ausrichten. Das betrachte ich als eine Möglichkeit, aber es gibt
auch starke Kräfte, die einen solchen Piratenhafen verhindern wollen.
Sie machen sich Sorgen um die Schweiz?
Die Fragen rund um den Finanzplatz beschäftigen mich seit vielen Jahren,
schon seit meiner Zeit als linker Mittelschüler an der Handelsschule
Freudenberg. Damals war der Fall Interhandel aktuell, jene schweizerische
Restgesellschaft der nazideutschen IG Farben, die unter anderen das Giftgas für
Auschwitz hergestellt hat. Die Bankgesellschaft hat Mitte der 60er Jahre, nach
einem episch langen Streit zwischen den USA und der Schweiz um das Schicksal der
Interhandel, 500 Millionen Franken vom US-Finanzministerium kassiert. Damals
wurde mir klar, wie weit die Schweiz ihren Finanzplatz für Nazi-Deutschland geöffnet
hatte.
Auf der Uni waren Sie Maoist und wollten Weltrevolution. Was verändert Ihr
Buch heute?
Die soziale Revolution ist damals Utopie geblieben. Heute verändert mein
Buch wahrscheinlich nichts..., oder doch! Es haben sich ein paar Anwälte in
Genf, rund um den Financier Jürg Stäubli, sehr intensiv mit Kapitel vier
meines Buches auseinandergesetzt.
Und finanziell, für Sie persönlich?
Leider werden meine Tantiemen durch meinen Anteil an den Anwaltskosten, die
mir und dem Unionsverlag entstanden sind, geschmälert. Ich muss diese Kosten
wohl als Berufsrisiko abbuchen.
Woher hatten Sie die Ausdauer, trotz vieler Rückschläge Ihr Projekt
durchzuziehen?
«Swiss Connection» ist nicht mein erstes Buch, ich wusste, worauf ich mich
einliess. Finanziert habe ich die Arbeit durch freien Journalismus, Sparsamkeit
und den Vorschuss des Verlags. Nun ja, man kann sich fragen, warum einer drei
Jahre seines Lebens dazu verwendet, ein Buch über die Schattenfinanz zu
schreiben. Vielleicht ist an mir ein Bänkler verlorengegangen. In gewisser
Weise lebe ich ja auch vom Finanzplatz. ·
CHRISTOPH KELLER gab 1996 gemeinsam mit drei anderen Journalisten den
Reportageband «Schichtwechsel» im Rotpunktverlag heraus. NEIL WILDER stellte
1996 im Photoforum Feldegg in Zürich erstmals seine Porträts aus.
© Keller Christoph
/ Magazin, Das; 1996-12-28; Seite 38; Nummer 52
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