Gian Trepp: Telefoninterview mit Rudolf Elmer
4. April 2008

> Frage Gian Trepp:
> In der Schweiz werden sie vielfach als dubioser Datendieb 
> wahrgenommen, der die Interessen seiner früheren Arbeitgeberin Bank 
> Julius Bär verraten hat. In Deutschland hingegen ist es gerade 
> umgekehrt, dort gelten die Geschäftspraktiken der Bank Bär als dubios, 
> und sie als ehrlicher Whistleblower. Wie würden sie sich selber 
> beschreiben.
>
> ANTWORT Rudolf Elmer:
> Ich sehe mich als Whistleblower, der auf  Missstände wie 
> Steuerhinterziehung und -betrug, Verstösse gegen anerkannte 
> internationale Buchhaltungsstandards, falsche Beurkundungen, 
> Sozialabgabenhinterziehung und dubiose Transaktionen aufmerksam 
> macht.  Aber auch als Mensch und Familienvater, der in eine Position 
> gedrängt wurde, die mich gezwungen hat, aktiv zu werden. Ich betrachte 
> mich gleichzeitig als Opfer und als Täter.
> Die Bank und gewisse Kunden hingegen, stellen sich gemäss 
> Presseberichten nur als Opfer dar – Während Julius Bär seit 1974 von 
> der Einheit auf den Cayman Islands profitierte und hunderte von 
> Millionen Franken am Fiskus vorbeischleuste.
>
> Frage:
> Wie lange, mit welchen Funktionen und auf welchen Hierarchiestufen 
> arbeiteten sie für die Bank Bär?
>
> ANTWORT:
> Ich kam 1987 als Eigenössisch Diplomierter Treuhänder von der 
> Treuhandfirma KPMG als Revisor zur Bank Bär in Zürich. Dort war ich in 
> der internen Revision tätig bis ich im September 1994 bis November 
> 2002 zur Julius Baer Bank and Trust Co. Ltd. Cayman Islands wechselte. 
> Dort hatte ich die Funktion eines Chief Operating Officer. Ich war für 
> eine ganze Reihe von Arbeitsbereichen tätig. Mein Pflichtenheft 
> umfasste die die Infrastruktur, Datenverarbeitung, Buchhaltung, 
> sämtliche internen Abläufe im Bereich Banking, Trust und Company und 
> Fondgeschäft, Compliance und Geldwäschereibekämpfung. Dazu versah ich 
> auch die Funktion eines Investment Manager für Julius Baer Hedge Fonds 
> und einen Private Equity Fonds.
>
> Frage:
> Was machte die seit 1974 existierende Bär-Tochterbank auf Cayman? Wenn 
> es stimmt, dass man nirgendwo besser Steuern hinterziehen kann als in 
> der Schweiz, warum braucht es dazu einen Ableger in der Karibik?
>
> ANTWORT:
> Cayman kennt im Gegensatz zur Schweiz keine Steuern. Das 
> Cayman-Bankgeheimnis verhindert auch, dass die Schweizer 
> Steuerbehörden dort die Bücher einsehen können. Zusätzlich zur 
> Steuerfreiheit weist Cayman dank generell liberaler Gesetze auch 
> rechtliche und bankengesetzliche Vorteile für internationale Anleger 
> und die Bank auf. Dazu kommt, dass Cayman gleich wie die Schweiz ein 
> Bankgeheimnis kennt, was doppelten Schutz für Schweizer Banken und 
> ihre Kunden bedeutet. Auch gab es zu meiner Zeit, grossen 
> Verhandlungsspielraum in allen Bereichen und die Arbeitsweise der 
> Aufsichtsbehörden beeindruckte mich nicht, d.h. war klar ein Vorteil 
> für die Finanzindustrie.  
>
> Frage:
> Sie beschuldigen die Julius Baer Bank and Trust Co. Ltd. Cayman 
> Islands der Beihilfe zur Steuerhinterziehung und dokumentieren diese 
> Aktivitäten ausführlich auf den Webbseiten wikileaks.org und 
> swisswhistleblower.com mit hunderten von Dokumenten. Die Bank Bär 
> weist alle Vorwürfe zurück. Sind Steuerbehörden aufgrund dieser 
> Information ihres Wissens irgendwo aktiv geworden.
>
> ANTWORT:
> Steuerstrafverfahren sind der Öffentlichkeit in aller Regel nicht 
> zugänglich. Aber aufgrund von Einvernahmeprotokollen der Kapo Zürich 
> weiss ich, dass in der Schweiz aufgund dieser Akten Straf- und 
> Nachsteuerverfahren eingeleitet worden sind. In Deutschland hatte ich 
> zwei Vorladungen von Steuerbehörden und seit gestern ist mir bekannt, 
> dass nun die US-amerikanische Steuerpolizei Internal Revenue Services 
> USA Untersuchungen eingeleitet hatte. Ich gehe davon aus, dass es auch 
> Verfahren gibt, von denen ich nichts weiss.
>
> Frage:
> Warum wurden sie im Dezember 2002 von Julius Baer Bank and Trust Co. 
> Ltd. Cayman Islands entlassen.
>
> ANTWORT:
> Die vorgeschobene Begründung war, dass ich bei einem 
> Lügendetektortest, der von mir und einem Teil der Mitarbeiter als 
> „Management-Clearance“ verlangt wurde, nicht kooperiert hätte. 
> Konkrete Gründe wurden mir allerdings nie genannt. Der Test-Experte 
> hatte gemäss meinem Anwalt auch keinen schriftlichen Bericht 
> abgliefert. Lügendetektorentests sind grundsätzlich umstritten, in 
> meinem Fall kommt noch dazu, dass ich, obwohl krankgeschrieben, den 
> Arzt nicht konsultieren konnte. Ganz abgesehen davon, dass der Test 
> nachgewiesenermassen völlig unprofessionell durchgeführt wurde z.B. 
> hatte man sogar mein Einverständnisformular im Nachhinein abgeändert 
> und den Text „das Resultat des Test kann nicht zur Entlassung eines 
> Mitarbeiters herbeigezogen werden“ herausgestrichen (ich hatte alle 
> Aenderung initalisiert nur diese nicht!). Ein solches Vorgehen würde 
> in den USA, es war ein amerikanischer Experte,  zu einer Klage in 
> mehrerer Millionenhöhe führen. Cayman hat keine rechtlichen 
> Bestimmungen in dieser Sache und die Bank und deren Anwälte hatte dies 
> geschickt ausgenützt.
>
> Frage:
> Wenn der Lügendetektortest nur ein vorgeschobener Grund war, was war 
> dann der tatsächliche  Grund?
>
> ANTWORT:
> Ich sehe mehrere Gründe. Zum einen waren meine guten Beziehungen zum 
> Bär-Hauptsitz in Zürich dem CEO und dem amerikanischen 
> Verwaltungsräten ein Dorn im Auge. Ferner war da meine kritische 
> Haltung zu gewissen Geschäftspraktiken, die ich mehrmals geäussert 
> habe. Ich musste namens der Bank Sachverhalte darstellen, die nicht 
> den Tatsachen entsprachen. Schliesslich lief gegen mich auch ein 
> gezieltes Mobbing. Zwei Tage vor dem Lügendetektortest sagte mir der 
> CEO, die Bank wolle mich draussen haben und es wäre wohl besser ich 
> machte einen tiefen Tauchgang und komme nicht wieder.
>
> Frage:
> Seit ihrer Entlassung vor über sieben Jahren hat sich ihr Konflikt mit 
> der ehemaligen Arbeitgeberin ständig verschärft. Wo liegen ihrer 
> Meinung nach die Ursache dieser Eskalation?
>
> ANTWORT:
> Ich wurde aufgrund vorgeschobener Gründe entlassen. Versprechungen, 
> mir Krankenkosten von US Dollar 20’000 zu bezahlen wurden nicht 
> eingehalten, obwohl ich die Belege zweimal eingereicht hatte. Die Bank 
> hat AHV-Beiträge nicht einbezahlt. Als ich meine Rechte einforderte, 
> wurde mir im Gespräch mit Julius Bär Holding klar gesagt, dass man 
> mich fertig machen werde, falls ich die Bank anklage. Die Bank 
> engagierte Deutsche und Schweizerische Privatdetektive, die unter dem 
> Begriff Observierung massives Stalking gegen meine Familie sowie auch 
> Wohnungsnachbarn und Mitarbeiter an der Arbeitsstelle ausübten. Dass 
> versetzte mich in Angst und Schrecken,. Ich fühlte mich nicht mehr 
> sicher, ob ich am nächsten Tag noch lebe und habe deshalb ich sehr 
> viel dokumentiert und Abschiedsbriefe geschrieben. Gewisse Daten die 
> ich noch aus meiner Zeit in Cayman hatte, bekamen für mich den 
> Charakter einer Lebensversicherung. Ich habe diese Daten in meine 
> Verteidigungsstrategie eingebaut und wollte auch aufzeigen, welche 
> dubiosen Geschäfte in Cayman abgewickelt wurden. Das habe ich den 
> Verwaltungsrat der Bank und einige ihrer Kunden wissen lassen. 
> Erpressung war nicht im Spiel!
> Neben der Peitsche gab es von der Bank Bär auch das Zuckerbrot: Man 
> bot mir erst nach dem massiven Stalking und Untersuchungshaft 500'000 
> Franken bezahlt in 60 Monatsraten (Schweigegeld) an, was ich jedoch 
> ablehnte. Ich wollte nicht wieder ein Teil des Systems der 
> verschwiegenen Banker werden, mein Prozess der persönlichen ethischen 
> und moralischen Entwicklung war bereits zuweit vorgeschritten. Sicher 
> jeder Mensch hat seinen Preis, doch bin ich heute froh, dass ich ablehnte.
>
> Frage:
> Sie haben auf der Webseite wikileaks.org interne Akten von Julius Baer 
> Bank and Trust Co. Ltd. Cayman Islands publiziert, welche diese 
> Tochter der Bär Holding der Beihilfe zur Steuerhinterziehung 
> bezichtigen. Dagegen hat die Bank Bär in den USA erfolglose 
> juristische Schritte unternommen. Unter diesen Akten, finden sich 
> neben echtem Material auch Fälschungen, beispielsweise ein Brief der 
> deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel. Wie kamen sie an die Akten, 
> die sie auf wikileaks.org und swisswhistleblower.com hochgeladen haben?
>
> ANTWORT:
> Aufgrund meines Pflichtenheftes auf den Cayman Islands musste ich 
> täglich Datensicherungen nach Hause nehmen für den Fall, dass dem 
> Bankgebäude über Nacht etwas geschieht, beispielsweise ein Brand oder 
> ein Hurrikan. Nach meiner Entlassung hatte meine Frau der Bank einige 
> Gegenstände übergeben, ich selber war zu diesem Zeitpunkt wegen einer 
> Rückenoperation bereits in die Schweiz zurückgekehrt und konnte aus 
> gesundheitlichen Gründen für Monate nicht mehr nach Cayman gehen. 
> Dabei blieben drei dieser Magnetbänder unbeabsichtigt in einer 
> Bananenkiste liegen und kamen mit dem restlichen Hausrat zurück in die 
> Schweiz.
>
> Frage:
> Im Juli 2005 bekam die Wirtschaftszeitung Cash eine CD mit internenen 
> Daten der Bank Bär zugeschickt. Im September 2005 wurden sie nach 
> Ermittlungen der Zürcher Staatsanwaltschaft Aufgrund einer Klage der 
> Bank Bär wegen „Drohungen etc.“ für einen Monat in Untersuchungshaft 
> gesetzt. Wo steht dieses Verfahren heute?
>
> ANTWORT:
> Hier möchte ich zuerst Mängel in der Arbeit der Zürcher Justitz 
> klarstellen. Die Verlängerung der Untersuchungshaft wurde anfänglich 
> vom Richter damit begründet, ich zitiere „“unter Hinweis auf das 
> Teilgeständnis des Angeschuldigten sowie auf die belastenden Aussagen 
> der Geschädigten Ranitha Kumarasamy (Ehefrau des Angeschuldigten)“. 
> Ich kenne diese Frau nicht und ein Teilgeständnis habe ich auch nicht 
> abgelegt. Meine letzte Einvernahme in dieser Sache war am 14. Februar 2008. Ein 
> Ende der Ermittlungen ist 2 1/2 Jahre nach meiner Freilassung noch 
> nicht absehbar. Es macht den Eindruch, dass das Verfahren pendent 
> gehalten wird, damit Verjährungsfristen ablaufen. Ferner bestehen auch 
> erhebliche Zweifel an der Zuständigkeit der Schweizer Justiz. Ganz 
> abgesehen davon, dass von einer unbefugten Datenbeschaffung gemäss 
> anklagende Staatsanwältin nicht ausgegangen werden kann, stellt sich 
> die Frage, ob Bankdaten aus Cayman dem Schweizer Bankgeheimnis 
> überhaupt unterstehen.
>
> Frage:
> Konnten sie nach ihrem Gefängnisaufenthalt  wieder eine Arbeitsstelle 
> finden?
>
> ANTWORT:
> Nein, weil ich wegen des Stalkings durch die Privatdetektive der Bank 
> Bär psychisch in einer schlechten Verfassung war und profesionelle 
> Hilfe benötige. Ich wurde für sechs Monate krank geschrieben. Die 
> Oberärtzin der Justivollzugs des Kt. Zürich war der Meinung, ich sei 
> als Frührentner ein Kandidat für eine 100 prozentige IV-Rente. Ich 
> wollte jedoch wieder zurück ins Berufsleben. Nachdem ich mich erholt 
> hatte fand ich dann auch wieder die Kraft dazu. Heute bin ich in 
> Stellung als Projektmananger für eine der grössten Banken der Welt. An 
> meiner Arbeitsstelle wurde ich bereits nach 18 Monaten von Managemet 
> und Mitarbeitern für die begehrte Leistungsqualifikation „Beruflicher 
> Superstar“ vorgeschlagen. Leider Julius Bär mein Arbeitgeber 
> informiert und nun habe ich die dritte Stelle aufgrund der Aktionen 
> von Julius Bär verloren.  
>
> Frage:
> Nach dem Liechtensteiner Steuerskandal kam auch das Schweizer 
> Bankgeheimnis wieder unter Beschuss, grosse deutsche Zeitungen haben 
> ihre Geschichte veröffentlicht und Interwievs mit ihnen gemacht. Als 
> Schweizer Banker mit jahrzehntelanger Berufserfahrung sind sie gegen 
> das Bankgeheimnis. Sie sagen, damit könnten sowohl in der Schweiz als 
> auch im Ausland Steuern hinterzogen werden. Allein – Ist ein 
> Finanzplatz Schweiz ohne Bankgeheimnis überhaupt denkbar?
>
> ANTWORT:
> Ich bin der Meinung dass das Bankgeheimnis weder zeitgerecht noch 
> gegenüber anderen Staaten heute vertretbar ist. Steuerhinterziehung, 
> sogar Steuerbetrug und sogar geheime Verfahren (z.B. Buch „Schwindel 
> Schweiz“ von Frau Dr. Angelika Fritz) in der Justiz werden faktisch 
> durch das Bankgeheimnis geschützt. Was geschädigen Staaten, denen 
> Steuersubstrat entzogen wird verständlicherweise sauer aufstösst. Auch 
> der Schweizer Fiskus wird wie auf wikileaks gezeigt durch 
> Steuerhinterziehung geschädigt. Ich glaube, es kann einen Finanzplatz 
> Schweiz auch in Zukunft geben, wenn man sich auf die Stärken 
> konzentriert und nicht versucht ein in der ganzen Welt umstrittenes 
> Geheimnis zu verteidigen. Mit dieser Verteidigung wird die 
> Glaubwürdigkeit des Rechtsstaats im Steuerbereich im internationalen 
> Kontext belastet. Erklären Sie einmal einem Ausländer den Unterschied 
> zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug sowie deren Bestrafung. 
> In vielen Fällen erhalten sie nur ein Lächeln, das alles sagt. 
> Uebrigens auf der Offshore Insel ist Steuerhinterziehung ein 
> Verbrechen und wird mit Gefängnis bestraft.
>
> Frage:
> Was müsste denn  ihrer Meinung nach konkret geändert werden, damit das 
> Bankgeheimnis nicht mehr als Tarnkappe für Steuerhinterzieher dient?
>
> ANTWORT:
> Die Ausserhalb der Schweiz umstrittene Differenzierung zwischen 
> Steuerhinterziehung und Steuerbetrug müsste abgeschafft werden, wie 
> dies die EU verlangt. Ferner sollte die Rechtshilfe ans Ausland 
> verbessert werden.
>
> Frage:
> Wird es je soweit kommen?
>
> ANTWORT:
>  Sobald die EU den politischen Willen zur Durchsetzung entwickelt und 
> diesen mit Massnahmen umsetzt. Dabei geht es nicht nur um die Schweiz 
> sondern andere Steueroasen wie Liechtenstein und Luxemburg.