Die amerikanischen Schweizer Grossbanken

Das Magazin, 8.12.2001

 

Die Welt hat sich für die Grossbanken UBS und CS nach dem 11. September grundlegend verändert.

Von Gian Trepp
Bild: Der Ökonom Gian Trepp in einem Studio von TV3

Am Morgen danach, der Geruch der qualmenden Trümmer hing noch schwer über der Südspitze Manhattans, versammelten sich die Schwergewichte des Finanzestablishments in New York zu einer Krisensitzung. Am Tisch sassen die Präsidenten der vier grössten US-Investmentbanken, Morgan Stanley, Merrill Lynch, Lehman Brothers, Goldman Sachs, sowie Vertreter der grössten Finanzdienstleister wie Citigroup, JP Morgan Chase und American Express. Wer im Banken- und Finanzwesen der USA etwas zu sagen hat, sass im Hauptquartier der Investmentbank Bear Stearn in Midtown Manhattan, eingeschlossen die Vertreter der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, der US-Börsenüberwachung und der verschiedenen New Yorker Börsen.

Mit dabei im innersten Machtzirkel des US-Finanzkapitals, den das Finanzministerium zusammengerufen hatte, war auch John J. Mack, der neue Chef der Credit Suisse First Boston (CSFB) und gleichzeitig Vizepräsident der Geschäftsleitung der Credit Suisse Group (CSG). Der erst im vergangenen Juli zur CSFB gestossene Mack bildet zusammen mit Lukas Mühlemann und Thomas Wellauer die heutige Führungstrojka der Credit Suisse Group. Zuvor war der «Mack, the knife» genannte Wallstreet-Veteran bei Morgan Stanley vom einfachen Wertschriftenhändler bis in die Geschäftsleitung aufgestiegen, bevor er im vergangenen März den Machtkampf um den Präsidentensessel verloren hatte. CSG-Präsident Lukas Mühlemann nützte die Chance und holte Mack ins Boot. Jetzt muss der neue Kapitän die angeschlagene Investmentbank redimensionieren und durch die aufziehenden Stürme der globalen Finanzmärkte steuern. Den alten CSFB-Boss Allan Wheat, der die Zahl der Beschäftigten im New-Economy-Boom innert vier Jahren von 5000 auf 28 000 erhöht hatte, feuerte Mühlemann .

Innert weniger Wochen hat der energische Mack bei der CSFB seither mit Tom Nides, Gary Lynch und Steven Volk eine völlig neue Führungsgruppe zusammengestellt. Nides ist ebenfalls ein Ex-Morgan-Stanley-Mann und war zuvor Wahlkampfmanager des gescheiterten demokratischen Vizepräsidentschaftskandiaten Joseph Lieberman. Lynch war bis vor kurzem die Nummer zwei der Börsenaufsichtsbehörde SEC, und Volk ist ein mit allen Wassern gewaschener Wallstreet-Anwalt. Mit diesem Führungspersonal vollendete die CSFB ihre Umwandlung in eine Investmentbank nach dem Vorbild der USA, mit Entscheidungszentrum nicht in Zürich, sondern in New York.

Was die Nationalität der Mutter Credit Suisse Group betrifft, so ist auch hier jegliche patriotische Nostalgie verfehlt. Nach zwei Jahrzehnten Globalisierung hat Alfred Eschers einstige Zürcher Herrenbank am Paradeplatz das weisse Kreuz im roten Feld mittlerweile ebenfalls durch weisse Sterne und blaue Streifen ersetzt. Die Zürcher und Schweizer Wurzeln haben nur noch historische Bedeutung.

Rein wirtschaftlich gesehen macht dieser Wechsel der nationalen Identität durchaus Sinn. Heute bietet der Standort Schweiz der Credit Suisse keine entscheidenden Konkurrenzvorteile, weder im globalen Investmentbanking noch in der weltweiten Vermögensverwaltung. Im Gegenteil. Im Investmentbanking, das sich weltweit mit der Finanzierung von Übernahmen, Fusionen sowie einer Ausweitung der Geschäftstätigkeit befasst, ist die Schweiz zu klein und zu wenig mächtig, um Spitzenplätze in dieser Geschäftssparte abzusichern. Die Schwäche wurde erstmals in der Krise um die Holocaustgelder vor fünf Jahren so richtig deutlich, als der Jüdische Weltkongress zusammen mit dem New Yorker Ex-Senator Alfonse d'Amato und Clintons Vizefinanzminister Stuart Eizenstat die damaligen drei Schweizer Grossbanken spielend in die Knie zwang, ohne dass der Bundesrat dies im übergeordneten Interesse des Finanzplatzes Schweiz hätte verhindern können. Kommt dazu, dass die grossen Deals im globalen Investmentbanking rechtlich längst nach den Regeln und Gesetzen der USA ablaufen.

Auch für den zweiten Ertragspfeiler der CSG, die Vermögensverwaltung für reiche Ausländer, bietet der Standort Schweiz nicht mehr allzu viele Vorteile. Die internationale Kritik am Geldwäschereiparadies zwang die Schweiz zu verschärften Kontrollvorschriften, die auch vor dem Bankgeheimnis nicht Halt machen. Im Zeichen des von US-Präsident Bush ausgerufenen Krieges gegen den Terrorismus wird das einstige Herzstück des Finanzplatzes vom lukrativen Standortvorteil zur gefährlichen Hypothek. Ein gutes Beispiel für diese Veränderung ist der Fall von Yeslam Binladin, einem der gut drei Dutzend Brüder und Halbbrüder von Osama Bin Laden. Er zeigt exemplarisch, dass die Zeit der diskreten Vermögensverwaltung für reiche Ausländer in der Schweiz abgelaufen ist. Unter dem Banner des Krieges gegen Terrorismus und Geldwäscherei haben die staatlichen Überwachungsorgane der USA und ihrer Verbündeten das Recht, die globalen Finanzflüsse zu überwachen und zu kontrollieren. Das gilt auch für Klein- und Zwergstaaten mit einst wasserdichtem Bankgeheimnis. Harmlose Steuerumgeher, wie jener sprichwörtliche süddeutsche Zahnarzt, müssen sich ab sofort etwas Besseres einfallen lassen, als ein Konto in der Schweiz zu eröffnen und das Geld im Koffer hierher zu bringen.

Ein Geschäftsmann in Genf

Binladin kam 1980 nach Genf, gründete die Saudi Investment Company (SICO) und verheiratete sich mit einer Schweizerin, mit der er drei Kinder hat. Genf erwies sich als idealer Standort, und das Geschäft der SICO expandierte. Jahrelang war Binladin ein erfolgreich integrierter Geschäftsmann. Die angesehensten Genfer Rechtsanwälte arbeiteten für ihn, etwa Baudouin Dunant, der Anfang Achtzigerjahre auch den notorischen Hitler-Bewunderer François Genoud vertreten hatte, oder der heutige grüne Genfer Regierungsrat Robert Cramer. Binladins Probleme begannen im August 1998 nach den Anschlägen auf die US-Botschaften in Nairobi und Dar es Salaam, die seinem Halbbruder Osama angelastet werden. Das Misstrauen gegen ihn wuchs, sein Angebot, an der Expo.02 das Genfer Projekt zu finanzieren, hat der Regierungsrat abgelehnt, ebenso zunächst sein Einbürgerungsgesuch. Als der Genfer Kantonsrat Binladin Anfang dieses Jahres trotzdem noch einbürgerte, hatte der Saudi-Investor schon beschlossen, die Rhonestadt in Richtung Gstaad zu verlassen.

Keine Wurzeln mehr

Was für das Verhältnis der CS zum Standort Schweiz gilt, gilt sinngemäss auch für die UBS, die andere globale Grossbank mit Schweizer Wurzeln. Die UBS-Vorgängerin Bankgesellschaft war bis zur Krise der Holocaustgelder die schweizerischste der damaligen drei Grossbanken. Dann hat die Führung unter Robert Holzach, Nikolaus Senn und Robert Studer die seit den guten Geschäften im Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang gebildeten stillen Reserven innert kurzer Zeit verschleudert und ihre Bank im Skandal um die Holocaustgelder an die Wand gefahren. Mit Luqman Arnold, einem Briten mit indischer Mutter, steht heute ein Ausländer an der Spitze des operativen Geschäftes einer neuen UBS, die sowohl wirtschaftlich als auch politisch auf das Finanzzentrum New York ausgerichtet ist. Die hauseigene Investmentbank UBS Warburg betreibt in Stamford (Connecticut) den grössten Händlerraum der USA. Die milliardenschwere Akquisition der grossen US-Vermögensverwalterin Paine Webber verschob auch der strategische Fokus der UBS-Vermögensverwaltung von der Schweiz in Richtung USA. Als sich UBS-Verwaltungsratspräsident Marcel Ospel auf dem Höhepunkt der Swissair-Krise für Bundesrat und Medien unerreichbar auf dem Weg nach New York befand, zeigte er, dass ihn die Geschäfte seiner Bank in den USA mehr interessieren als die Krise in der Schweiz. Die 40 Prozent der UBS-Mitarbeiter im Grossraum New York waren für die UBS offenkundig wichtiger als der Überlebenskampf der Swissair.

Doch der von US-Präsident Bush angekündigte langwierige Krieg gegen den militanten islamischen Fundamentalismus wird die Schweizer Wurzeln von UBS und CS wieder wichtiger machen. Und zwar gleich in doppelter Hinsicht: Zum einen brauchen die USA verlässliche Verbündete beim Aufspüren von Terroristengeldern auf den globalisierten Finanzmärkten. Obwohl der bisherige Krieg gegen die Geldwäscherei nüchtern betrachtet nur wenig brachte, erachten die Antiterrorstrategen in Washington diese Front gegen Bin Laden und sein Netzwerk als zentral. An dieser Front könnte der Finanzplatz Schweiz ein europäischer Horchposten der USA werden. Zur Vermittlung eines solchen strategischen Bündnisses der Schweiz mit den USA sind die schweizerisch-amerikanischen UBS und CSG ideal positioniert. Das wird viel Arbeit für den neuen UBS-Cheflobbyisten Adalbert Durrer in Bern bedeuten.

Ein zweite Trumpfkarte spielten die Terroristen dem Finanzplatz Schweiz im Bereiche der operationellen Risiken des internationalen Finanzsystems in die Hand. Mit Tausenden von Toten, einstürzenden Gebäuden, zusammenbrechenden Handels- und Kommunikationssystemen hat der historisch gewachsene New Yorker Finanzdistrikt rund um die Börse an der Wallstreet am 11. September einen beispiellosen Schlag erlitten. Die physische Massierung von Börsen, Investmentbanken und Wertschriftenhändlern am südlichen Ende der Insel Manhattan auf wenigen Quadratkilometern war in Expertenkreisen spätestens seit dem ersten Attentat auf das World Trade Center von 1993 als Hochrisikozone bekannt. Am 11. September 2001 ist die Uhr der New Yorker Börse mit ihrem anachronistischen Parketthandel im historischen Finanzpalast definitiv abgelaufen. Angesagt ist heute im Aktienbereich eine dezentrale Logistik von Handel und Abwicklung, wie sie die Schweiz seit längerem kennt.

Die Devise für die grossen amerikanischen Banken und Finanzgesellschaften lautet jetzt, mit den Backoffices raus aus Manhattan zu gehen - und sei es bloss über den Hudson ins benachbarte New Jersey. Da ein Bankenarbeitsplatz heute aus einem Telefonanschluss und einem Computer besteht, kann er überall auf der Welt angesiedelt sein. Folglich wird für die amerikanischen Banken auch eine weltweite Dezentralisierungsstrategie denkbar. Hier entsteht eine neue Chance für den Schweizer Finanzplatz, beziehungsweise dessen, was von ihm geblieben ist: Die schweizerisch-amerikanischen Grossbanken UBS und CS könnten einen Teil der Logistik des internationalen Finanzsystems übernehmen.

Die Kriege andernorts beleben das Geschäft auf dem Finanzplatz Schweiz. Diese traurige Wahrheit aus dem 19. und 20. Jahrhundert könnte sich zu Beginn des neuen Jahrhunderts bestätigen.

Gian Trepp ist Ökonom und Journalist in Zürich. Er beschäftigt sich seit längerem mit der Entwicklung des Schweizer Finanzplatzes

© ProLitteris / Trepp Gian / Magazin, Das; 2001-12-08; Seite 62; Nummer 49