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Die Welt hat sich für die Grossbanken UBS und CS nach dem 11. September
grundlegend verändert.
Von Gian Trepp
Bild: Der Ökonom Gian Trepp in
einem Studio von TV3
Am Morgen danach, der Geruch der qualmenden Trümmer hing noch schwer über
der Südspitze Manhattans, versammelten sich die Schwergewichte des
Finanzestablishments in New York zu einer Krisensitzung. Am Tisch sassen die Präsidenten
der vier grössten US-Investmentbanken, Morgan Stanley, Merrill Lynch, Lehman
Brothers, Goldman Sachs, sowie Vertreter der grössten Finanzdienstleister wie
Citigroup, JP Morgan Chase und American Express. Wer im Banken- und Finanzwesen
der USA etwas zu sagen hat, sass im Hauptquartier der Investmentbank Bear Stearn
in Midtown Manhattan, eingeschlossen die Vertreter der amerikanischen Notenbank
Federal Reserve, der US-Börsenüberwachung und der verschiedenen New Yorker Börsen.
Mit dabei im innersten Machtzirkel des US-Finanzkapitals, den das
Finanzministerium zusammengerufen hatte, war auch John J. Mack, der neue Chef
der Credit Suisse First Boston (CSFB) und gleichzeitig Vizepräsident der Geschäftsleitung
der Credit Suisse Group (CSG). Der erst im vergangenen Juli zur CSFB gestossene
Mack bildet zusammen mit Lukas Mühlemann und Thomas Wellauer die heutige Führungstrojka
der Credit Suisse Group. Zuvor war der «Mack, the knife» genannte
Wallstreet-Veteran bei Morgan Stanley vom einfachen Wertschriftenhändler bis in
die Geschäftsleitung aufgestiegen, bevor er im vergangenen März den Machtkampf
um den Präsidentensessel verloren hatte. CSG-Präsident Lukas Mühlemann nützte
die Chance und holte Mack ins Boot. Jetzt muss der neue Kapitän die
angeschlagene Investmentbank redimensionieren und durch die aufziehenden Stürme
der globalen Finanzmärkte steuern. Den alten CSFB-Boss Allan Wheat, der die
Zahl der Beschäftigten im New-Economy-Boom innert vier Jahren von 5000 auf 28
000 erhöht hatte, feuerte Mühlemann .
Innert weniger Wochen hat der energische Mack bei der CSFB seither mit Tom
Nides, Gary Lynch und Steven Volk eine völlig neue Führungsgruppe
zusammengestellt. Nides ist ebenfalls ein Ex-Morgan-Stanley-Mann und war zuvor
Wahlkampfmanager des gescheiterten demokratischen Vizepräsidentschaftskandiaten
Joseph Lieberman. Lynch war bis vor kurzem die Nummer zwei der Börsenaufsichtsbehörde
SEC, und Volk ist ein mit allen Wassern gewaschener Wallstreet-Anwalt. Mit
diesem Führungspersonal vollendete die CSFB ihre Umwandlung in eine
Investmentbank nach dem Vorbild der USA, mit Entscheidungszentrum nicht in Zürich,
sondern in New York.
Was die Nationalität der Mutter Credit Suisse Group betrifft, so ist auch
hier jegliche patriotische Nostalgie verfehlt. Nach zwei Jahrzehnten
Globalisierung hat Alfred Eschers einstige Zürcher Herrenbank am Paradeplatz
das weisse Kreuz im roten Feld mittlerweile ebenfalls durch weisse Sterne und
blaue Streifen ersetzt. Die Zürcher und Schweizer Wurzeln haben nur noch
historische Bedeutung.
Rein wirtschaftlich gesehen macht dieser Wechsel der nationalen Identität
durchaus Sinn. Heute bietet der Standort Schweiz der Credit Suisse keine
entscheidenden Konkurrenzvorteile, weder im globalen Investmentbanking noch in
der weltweiten Vermögensverwaltung. Im Gegenteil. Im Investmentbanking, das
sich weltweit mit der Finanzierung von Übernahmen, Fusionen sowie einer
Ausweitung der Geschäftstätigkeit befasst, ist die Schweiz zu klein und zu
wenig mächtig, um Spitzenplätze in dieser Geschäftssparte abzusichern. Die
Schwäche wurde erstmals in der Krise um die Holocaustgelder vor fünf Jahren so
richtig deutlich, als der Jüdische Weltkongress zusammen mit dem New Yorker
Ex-Senator Alfonse d'Amato und Clintons Vizefinanzminister Stuart Eizenstat die
damaligen drei Schweizer Grossbanken spielend in die Knie zwang, ohne dass der
Bundesrat dies im übergeordneten Interesse des Finanzplatzes Schweiz hätte
verhindern können. Kommt dazu, dass die grossen Deals im globalen
Investmentbanking rechtlich längst nach den Regeln und Gesetzen der USA
ablaufen.
Auch für den zweiten Ertragspfeiler der CSG, die Vermögensverwaltung für
reiche Ausländer, bietet der Standort Schweiz nicht mehr allzu viele Vorteile.
Die internationale Kritik am Geldwäschereiparadies zwang die Schweiz zu verschärften
Kontrollvorschriften, die auch vor dem Bankgeheimnis nicht Halt machen. Im
Zeichen des von US-Präsident Bush ausgerufenen Krieges gegen den Terrorismus
wird das einstige Herzstück des Finanzplatzes vom lukrativen Standortvorteil
zur gefährlichen Hypothek. Ein gutes Beispiel für diese Veränderung ist der
Fall von Yeslam Binladin, einem der gut drei Dutzend Brüder und Halbbrüder von
Osama Bin Laden. Er zeigt exemplarisch, dass die Zeit der diskreten Vermögensverwaltung
für reiche Ausländer in der Schweiz abgelaufen ist. Unter dem Banner des
Krieges gegen Terrorismus und Geldwäscherei haben die staatlichen Überwachungsorgane
der USA und ihrer Verbündeten das Recht, die globalen Finanzflüsse zu überwachen
und zu kontrollieren. Das gilt auch für Klein- und Zwergstaaten mit einst
wasserdichtem Bankgeheimnis. Harmlose Steuerumgeher, wie jener sprichwörtliche
süddeutsche Zahnarzt, müssen sich ab sofort etwas Besseres einfallen lassen,
als ein Konto in der Schweiz zu eröffnen und das Geld im Koffer hierher zu
bringen.
Ein Geschäftsmann in Genf
Binladin kam 1980 nach Genf, gründete die Saudi Investment Company (SICO)
und verheiratete sich mit einer Schweizerin, mit der er drei Kinder hat. Genf
erwies sich als idealer Standort, und das Geschäft der SICO expandierte.
Jahrelang war Binladin ein erfolgreich integrierter Geschäftsmann. Die
angesehensten Genfer Rechtsanwälte arbeiteten für ihn, etwa Baudouin Dunant,
der Anfang Achtzigerjahre auch den notorischen Hitler-Bewunderer François
Genoud vertreten hatte, oder der heutige grüne Genfer Regierungsrat Robert
Cramer. Binladins Probleme begannen im August 1998 nach den Anschlägen auf die
US-Botschaften in Nairobi und Dar es Salaam, die seinem Halbbruder Osama
angelastet werden. Das Misstrauen gegen ihn wuchs, sein Angebot, an der Expo.02
das Genfer Projekt zu finanzieren, hat der Regierungsrat abgelehnt, ebenso zunächst
sein Einbürgerungsgesuch. Als der Genfer Kantonsrat Binladin Anfang dieses
Jahres trotzdem noch einbürgerte, hatte der Saudi-Investor schon beschlossen,
die Rhonestadt in Richtung Gstaad zu verlassen.
Keine Wurzeln mehr
Was für das Verhältnis der CS zum Standort Schweiz gilt, gilt sinngemäss
auch für die UBS, die andere globale Grossbank mit Schweizer Wurzeln. Die
UBS-Vorgängerin Bankgesellschaft war bis zur Krise der Holocaustgelder die
schweizerischste der damaligen drei Grossbanken. Dann hat die Führung unter
Robert Holzach, Nikolaus Senn und Robert Studer die seit den guten Geschäften
im Zweiten Weltkrieg jahrzehntelang gebildeten stillen Reserven innert kurzer
Zeit verschleudert und ihre Bank im Skandal um die Holocaustgelder an die Wand
gefahren. Mit Luqman Arnold, einem Briten mit indischer Mutter, steht heute ein
Ausländer an der Spitze des operativen Geschäftes einer neuen UBS, die sowohl
wirtschaftlich als auch politisch auf das Finanzzentrum New York ausgerichtet
ist. Die hauseigene Investmentbank UBS Warburg betreibt in Stamford
(Connecticut) den grössten Händlerraum der USA. Die milliardenschwere
Akquisition der grossen US-Vermögensverwalterin Paine Webber verschob auch der
strategische Fokus der UBS-Vermögensverwaltung von der Schweiz in Richtung USA.
Als sich UBS-Verwaltungsratspräsident Marcel Ospel auf dem Höhepunkt der
Swissair-Krise für Bundesrat und Medien unerreichbar auf dem Weg nach New York
befand, zeigte er, dass ihn die Geschäfte seiner Bank in den USA mehr
interessieren als die Krise in der Schweiz. Die 40 Prozent der UBS-Mitarbeiter
im Grossraum New York waren für die UBS offenkundig wichtiger als der Überlebenskampf
der Swissair.
Doch der von US-Präsident Bush angekündigte langwierige Krieg gegen den
militanten islamischen Fundamentalismus wird die Schweizer Wurzeln von UBS und
CS wieder wichtiger machen. Und zwar gleich in doppelter Hinsicht: Zum einen
brauchen die USA verlässliche Verbündete beim Aufspüren von
Terroristengeldern auf den globalisierten Finanzmärkten. Obwohl der bisherige
Krieg gegen die Geldwäscherei nüchtern betrachtet nur wenig brachte, erachten
die Antiterrorstrategen in Washington diese Front gegen Bin Laden und sein
Netzwerk als zentral. An dieser Front könnte der Finanzplatz Schweiz ein europäischer
Horchposten der USA werden. Zur Vermittlung eines solchen strategischen Bündnisses
der Schweiz mit den USA sind die schweizerisch-amerikanischen UBS und CSG ideal
positioniert. Das wird viel Arbeit für den neuen UBS-Cheflobbyisten Adalbert
Durrer in Bern bedeuten.
Ein zweite Trumpfkarte spielten die Terroristen dem Finanzplatz Schweiz im
Bereiche der operationellen Risiken des internationalen Finanzsystems in die
Hand. Mit Tausenden von Toten, einstürzenden Gebäuden, zusammenbrechenden
Handels- und Kommunikationssystemen hat der historisch gewachsene New Yorker
Finanzdistrikt rund um die Börse an der Wallstreet am 11. September einen
beispiellosen Schlag erlitten. Die physische Massierung von Börsen,
Investmentbanken und Wertschriftenhändlern am südlichen Ende der Insel
Manhattan auf wenigen Quadratkilometern war in Expertenkreisen spätestens seit
dem ersten Attentat auf das World Trade Center von 1993 als Hochrisikozone
bekannt. Am 11. September 2001 ist die Uhr der New Yorker Börse mit ihrem
anachronistischen Parketthandel im historischen Finanzpalast definitiv
abgelaufen. Angesagt ist heute im Aktienbereich eine dezentrale Logistik von
Handel und Abwicklung, wie sie die Schweiz seit längerem kennt.
Die Devise für die grossen amerikanischen Banken und Finanzgesellschaften
lautet jetzt, mit den Backoffices raus aus Manhattan zu gehen - und sei es bloss
über den Hudson ins benachbarte New Jersey. Da ein Bankenarbeitsplatz heute aus
einem Telefonanschluss und einem Computer besteht, kann er überall auf der Welt
angesiedelt sein. Folglich wird für die amerikanischen Banken auch eine
weltweite Dezentralisierungsstrategie denkbar. Hier entsteht eine neue Chance für
den Schweizer Finanzplatz, beziehungsweise dessen, was von ihm geblieben ist:
Die schweizerisch-amerikanischen Grossbanken UBS und CS könnten einen Teil der
Logistik des internationalen Finanzsystems übernehmen.
Die Kriege andernorts beleben das Geschäft auf dem Finanzplatz Schweiz.
Diese traurige Wahrheit aus dem 19. und 20. Jahrhundert könnte sich zu Beginn
des neuen Jahrhunderts bestätigen.
Gian Trepp ist Ökonom und Journalist in Zürich. Er beschäftigt sich seit längerem mit
der Entwicklung des Schweizer Finanzplatzes
© ProLitteris / Trepp Gian / Magazin, Das;
2001-12-08; Seite 62; Nummer 49
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