Neue Zuercher Zeitung, 04.10.1996, S. 5
Schatten des Zweiten Weltkriegs
Fakten zum Goldtransport Italien-Schweiz
Rückzahlung von Krediten und Anlagen im Jahr 1944
Von Gian Trepp
Im Gefolge der Diskussion um deutsches Raubgold in der Schweiz ist darauf hingewiesen worden, dass auch aus Italien grössere Goldmengen in die Schweiz gelangten. Die entsprechenden Agenturmeldungen (vgl. NZZ 12. 9. und 24. 9. 96) ergeben jedoch kein klares Bild der Ereignisse. Der Ökonom und Journalist Gian Trepp schildert im folgenden Artikel den Verlauf und den Charakter dieser Transaktionen. Mit den 23 Tonnen Gold, die 1944 eingeführt wurden, beglich Mussolini Vorkriegskredite der BIZ und eines schweizerischen Bankenkonsortiums. Dass es sich dabei um Raubgold gehandelt hat, ist nicht völlig
auszuschliessen, aber unwahrscheinlich.
Am 20. September 1943, zehn Tage nach der deutschen Besetzung Roms als Reaktion auf Mussolinis Sturz, umzingelte SS-Oberst Herbert Kappler den Sitz der Banca d'Italia im Palazzo Koch an der Via
Nazionale. Begleitet wurde Kappler von seiner rechten Hand, SS-Major Karl Hass, und einem Fallschirmjäger-Stosstrupp. Die Deutschen luden 120 Tonnen (nach anderen Quellen 100 Tonnen) italienisches Währungsgold auf Lastwagen und brachten sie nach Mailand, wo die Barren unter deutscher Kontrolle beim dortigen Sitz der italienischen Nationalbank deponiert wurden. Wer Kappler den Befehl zum Goldraub gegeben hat, ist bislang nicht eindeutig geklärt. Eine Hypothese besagt, die Aktion sei auf Anweisung von Reichsbankpräsident Walther Funk in Berlin und dessen Mann in Rom, Reichsbankdirektor Maximilian
Bernhuber, erfolgt. Eine andere Version macht einen gewissen Dollmann dafür verantwortlich, den persönlichen Botschafter von Reichsführer SS Heinrich Himmler in Italien. Die Banca d'Italia leistete dem deutschen Raubzug auf ihre Goldreserve keinen Widerstand. Im Gegenteil, Gouverneur Vincenzo Azzolini war einverstanden. Azzolini hatte sich nach dem Waffenstillstand und der Zweiteilung Italiens nicht der Badoglio- Regierung im von den Alliierten kontrollierten Süden angeschlossen, sondern der faschistischen Marionettenrepublik von Salò in Norditalien.
Die BIZ sieht ihre Investitionen bedroht
Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) mit Sitz in Basel unterhielt seit Anfang der dreissiger Jahre Anlagen in Italien in der Höhe von ungefähr 75 Millionen Franken. Dieser Betrag entsprach damals rund 16 Tonnen Gold und war bei der Banca d'Italia mit einer Goldklausel gesichert. Nach der anglo-amerikanischen Invasion Siziliens im Sommer 1943 hatte die BIZ von Basel aus erfolglos versucht, ihre Investition von der Banca d'Italia in Form von 16 Tonnen Gold zurückzubekommen. Nachdem die Kommunikationswege zwischen Basel und Rom unterbrochen worden waren, reiste der italienische BIZ-Generalsekretär Raffaele Pilotti Ende November 1943 nach Rom, wo er nach einer einwöchigen abenteuerlichen Reise eintraf. Im Palazzo Koch fand Pilotti offene Türen. Gouverneur Azzolini versprach, das Gold so rasch wie möglich in die Schweiz zu senden. Er gab Pilotti eine sechzig Seiten lange Liste mit den Nummern und dem Feingewicht der Goldbarren, die er ins Eigentum der BIZ überschrieben hatte und bis zum Transport in die Schweiz bei der Banca d'Italia ins Depot nahm. Gleichzeitig machte Azzolini jedoch auch deutlich, dass der Goldtransport von Italien in die Schweiz nicht ohne das grüne Licht der Reichsbank stattfinden könne.
Nachziehen der Nationalbank
Nachdem die Probleme der BIZ geregelt worden waren, präsentierte Gouverneur Azzolini dem Mann aus Basel ein dringliches Schreiben der Schweizerischen Nationalbank an die Banca
d'Italia. Darin verlangte die Nationalbank die sofortige Rückzahlung eines Kredits in der Höhe von 53 Millionen, mit dem ein Schweizer Bankenkonsortium vor dem Krieg die italienische Staatsindustrie finanziert hatte. Gleich wie die Anlagen der BIZ war auch dieser Kredit mit einer Gold-Garantieklausel versehen. Azzolini bat
Pilotti, bei Nationalbankpräsident Ernst Weber in Zürich vorzusprechen und ihm die Bereitschaft der Banca d'Italia zu signalisieren, zusätzlich zu den 16 Tonnen Gold für die BIZ auch noch gut sieben Tonnen für die Nationalbank in die Schweiz zu senden. Befriedigt kehrte der BIZ-Generalsekretär nach Basel zurück.
Am 23. Dezember 1943 sprach Pilotti in Zürich bei Ernst Weber vor, dem Präsidenten der Nationalbank, den er über die verzwickte Lage in Italien informierte. Er gab Weber gute Ratschläge, wie sich das Gold sicherstellen lassen könnte; seither koordinierten die BIZ und die Nationalbank ihre Anstrengungen, um ihre Anlagen und Kredite in Italien zurückzugewinnen. Pilotti nahm mit Hilfe des deutschen BIZ-Generaldirektors Paul Hechler (NSDAP-Mitglied Nr. 7 686 661) mit Reichspräsident Walther Funk in Berlin Verbindung auf und erbat sich dessen Unterstützung in Italien. Der Reichsbankpräsident erklärte sich mit der Rückzahlung des italienischen Goldes an die BIZ und die Nationalbank einverstanden. Im Januar 1944 schickte Funk seinen Stellvertreter Emil Puhl zu Azzolini nach Moltrasio am
Comersee, wohin die faschistische Regierung die Banca d'Italia vor den gegen Rom vorrückenden Alliierten in Sicherheit gebracht hatte. In Moltrasio regelten Azzolini und Puhl die genauen Modalitäten des Goldtransportes nach
Chiasso.
Nicht einverstanden mit diesem Goldtransport in die Schweiz war Finanzminister Pellegrini von der faschistischen Regierung in Brescia. Es gelang ihm, die deutschen Bewacher des Banca-d'Italia-Sitzes in Mailand zu überzeugen, den Instruktionen von Azzolini und Puhl keine Folge zu leisten. Der für Februar 1944 geplante Transport in die Schweiz kam nicht zustande; vielmehr wurde das Währungsgold von Mailand unter bis heute ungeklärten Umständen in die Kasematten von Fortezza bei Bressanone
(Brixen) gebracht, eine Südtiroler Festung, welche Österreich in den 1830er Jahren aus den Felsen hatten schlagen lassen.
Wahrscheinlich kein Raubgold
Pilotti liess sich durch diesen Rückschlag nicht entmutigen und reiste Ende Februar 1944 zum zweitenmal zu Azzolini nach
Moltrasio. Dieser versprach ihm, alles zu tun, damit die gut 23 Tonnen Gold von Fortezza nach Chiasso spediert würden. Darauf reiste Pilotti weiter nach Brescia zum faschistischen Finanzminister
Pellegrini. In der Folge gelang es Azzolini, sich gegen Pellegrini durchzusetzen, und die vier Güterwagen aus Fortezza mit 23,3 Tonnen Gold kamen am 20. April in Chiasso an. Rein rechtlich waren die auf eine vertragliche Goldklausel gestützten Ansprüche der BIZ und des schweizerischen Bankenkonsortiums an die Banca d'Italia völlig einwandfrei. Ob es allerdings politisch klug war, sich kurz vor dem völligen Zusammenbruch der faschistischen Diktatur noch die Rückzahlung der italienischen Anlagen und Kredite zu sichern, mit denen Mussolini vor dem Krieg bedient worden war, steht auf einem anderen Blatt. Dieses Gold wurde den Alliierten und damit in gewisser Weise auch dem Wiederaufbau des kriegszerstörten Italien entzogen.
Ob es sich beim Gold aus Fortezza um Raubgold gehandelt hat, könnte vermutlich anhand der Listen Azzolinis eruiert werden, wenn diese vorlägen. Italien partizipierte 1941 mit Deutschland am Raub des jugoslawischen Währungsgoldes; insofern ist nicht völlig
auszuschliessen, dass auch solches Gold zur Bezahlung von BIZ und Nationalbank verwendet wurde. Allerdings erscheint dies als unwahrscheinlich, da der Zusammenbruch von Mussolinis Marionettenregierung im April 1944 absehbar war. Mit der Lieferung von Raubgold in die Schweiz hätte sich Gouverneur Azzolini unnötigerweise dem Risiko ausgesetzt, später als Goldräuber entlarvt zu werden.
Ungeklärte Fragen
Nachdem gut 23 Tonnen Gold in die Schweiz geliefert worden waren, verblieben Ende April 1944 je nach Quelle 80 oder 100 Tonnen Gold in
Fortezza. Im Juni 1944 kehrte Gouverneur Azzolini von Moltrasio nach Rom zurück, wo er von der Badoglio- Regierung für abgesetzt erklärt und verhaftet wurde. Im Herbst 1944 verurteilte ihn ein Sondergericht wegen Auslieferung der italienischen Währungsreserven an die Deutschen zum Tode. Einige Monate später wurde er zu 30 Jahren Zuchthaus begnadigt. Die Begnadigung erfolgte nicht zuletzt wegen der Hilfe, die er der BIZ beim Goldtransport vom April 1944 in die Schweiz geleistet hatte. Der BIZ-Verwaltungsrat und Vizepräsident der Bank of England, Sir Otto
Niemeyer, intervenierte auf Bitten des amerikanischen BIZ-Präsidenten Thomas H. McKittrick bei der Badoglio-Regierung zugunsten
Azzolinis. 1948 wurde Azzolini vollständig rehabilitiert; heute darf er einen Platz in der Ehrengalerie der einstigen Gouverneure der italienischen Zentralbank beanspruchen.
Wieviel Gold bei Kriegsende noch in Fortezza war und wo es sich heute befindet, ist bis heute unklar geblieben. So erstaunt es nicht, dass sich ungezählte Geschichten und Gerüchte um den sagenhaften Goldschatz in den Kasematten der Südtiroler Franzensfeste ranken. Luigi
Einaudi, der erste Gouverneur der Banca d'Italia nach dem Krieg, meinte, amerikanische Truppen hätten das Gold beschlagnahmt, einen Teil als Entschädigung für das 1941 geraubte Währungsgold den Jugoslawen und den Rest der Banca d'Italia zurückgegeben. Doch klar dokumentiert hat die Banca d'Italia diese offizielle Version nie. Gegenwärtig versucht der Römer Militär-Untersuchungsrichter Antonio Intelisano etwas Licht ins Dunkel dieser mysteriösen Goldgeschichte zu bringen.
Der Artikel beruht auf Dokumenten aus den National Archives of the United States in Washington D. C. und dem Archiv der Banca d'Italia in Rom. Der Autor konsultierte sie ausführlich während der Recherchen für sein Buch "Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich im Zweiten Weltkrieg: Bankgeschäfte mit dem Feind. Von Hitlers Europabank zum Instrument des Marschallplans." (Zürich 1993)