von Gian Trepp
Referat an der Arbeitstagung Wirtschaftsdemokratie, Bern 24. September 2005
Aktualisierte Version vom Dezember 2006
Ich möchte den Organisatorinnen und Organisatoren dieser Tagung dafür danken,
dass sie mich eingeladen haben hier meine These zur Diskussion stellen, dass
eine linke Banken- und Finanzplatzpolitik nicht nur neue Arbeitsplätze schaffen
könnte, sondern darüber hinaus auch ein Beitrag zu einem friedlichen,
sozialen, demokratischen und ökologischen Europa wäre.
Banken, inklusive der Zentralbank und der banknahen Finanz- und
Anlagegesellschaften, sind die Zitadellen des neoliberalen Finanzkapitalismus.
Sie regeln in ihren jeweiligen nationalen Volkswirtschaften die Bereiche Geld,
Kapital, Kredit, Zins und Risikotransfer. Und bilden, zu einem weltweiten
Verbund gekoppelt, die Bausteine der globalen Finanzmärkte.
Rechtlich geregelt, wird der Finanzbereich in der Schweiz seit Menschengedenken
im Sinn und Geist der überparteilichen eidgenössische Konkordanzdemokratie.
Seit dem Burgfrieden der Sozialdemokraten mit dem Bürgerblock in den
Dreissigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, haben SP und Gewerkschaften in
diesem Gebiet auf eine eigenständige Politik verzichtet, einmal abgesehen vom
gescheiterten Vorstoss zur Abschaffung des Bankgeheimnis vor zwanzig Jahren. Und
zwar sowohl im Hinblick auf das Bankgeschäft auf den Binnenmärkten als auch
auf das grenzüberschreitende Geschäft der Vermögensverwaltung auf dem
Finanzplatz Schweiz. Bankenpolitik zur Schaffung von Arbeitsplätzen nach dem
Vorbild der Industriepolitik ist ein Tabu.
Die inländische Bankenpolitik möchte ich im folgenden weglassen. Nicht,
dass die Kantonalbanken, Raiffeisenkassen, Regionalbanken und lokalen Spar- und
Kreditgenossenschaften kein Feld linker Politik sein könnten. Ganz im
Gegenteil. Beispielsweise die Staatsgarantie der Kantonalbanken. Im Kanton
Graubünden verweigert der Bürgerblock in der dortigen Kantonalbank der SP bis
heute die Vertretung im Bankrat, während Staatsbankchef Alois Vinzens
gleichzeitig in der Zürcher Private Client Bank mit dem Anarcholiberalen Konrad
Hummler zusammenarbeitet, der die SP bekanntlich aus dem Bundesrat hinauswerfen
möchte. Aus Zeitgründen kann ich hier jedoch nicht aufs Binnenbanking
eingehen, möchte lediglich festhalten, das das, was hier zu sagen wäre, meinen
weiteren Ausführungen nicht widerspricht.
Gleich dem Binnengeschäft ist auch das grenzüberschreitende Bankgeschäft im
Schweizer Konkordanzsystem eingebettet. Mehr noch, der historische Burgfrieden
im Klassenkampf nach dem Ersten Weltkrieg schaffte erst die politische
Stabilität, welche die Expansion des Finanzplatz Schweiz in seine heutigen
Dimensionen ermöglichte.
Grenzüberschreitende Banktransaktionen auf dem Finanzplatz laufen heute
schätzungsweise zu zwei Dritteln über die Kanäle von UBS und Credit Suisse.
Der Rest über Filialen ausländischer Banken, Kantonalbanken und kleinerer
Institute. Wer Finanzplatz sagt, redet in erster Linie von UBS und Credit
Suisse, ergänzt noch von den drei Grossversicherungen Zürich, Swiss Re und
Swiss Life.
UBS und Credit Suisse streben nachmaximaler Eigenkapitalrendite auf globalen
Märkten. Alles dreht sich um den Finanzgewinn. Die menschliche Arbeit ist bloss
ein Kostenfaktor, den es zu minimieren gilt, versteuert wird dort, wo die
Steuern am tiefsten sind. Politisch richten sich UBS und Credit Suisse auf die
Supermacht USA aus, die auch Schutzmacht für den anglo-amerikanischen
Finanzkapitalismus neoliberaler Prägung ist.
Es gibt nach meiner Meinung zwei Hauptgründe, weshalb die die Schweizer Linke
das Thema Banken- und Finanzplatzpolitik, also auch die vermehrte
Auseinandersetzung mit UBS und Credit Suisse, auf die Tagesordnung setzen
sollte: einen volkswirtschaftlichen und einen politischen.
Volkswirtschaftlich geniessen UBS und Credit Suisse eine implizite
Staatsgarantie, ihr Stellenwert in der Schweizer Wirtschaft ist derart gross,
dass der Staat sie nicht Bankrott gehen lassen könnte. Gleichzeitig haben sich
UBS und Credit Suisse längst von der real wirtschaftlichen Basis in der Schweiz
gelöst und bilden heute als Hochrisiko-Spieler im globalen Geschäft mit
Finanzprodukten aller Art ein nationales Klumpenrisiko. Von Profitgier getrieben
und auf implizite Staatsgarantie und Branchenselbstkontrolle gestützt,
übernehmen die UBS und Credit Suisse grössere Risiken, als sie mit ihrem
Eigenkapital und Reserven selber tragen können.
Und diese Risiken wachsen angesichts der wachsenden struktureller
Ungleichgewichte zwischen Welthandel und Weltfinanz. Stichworte:
US-Zahlungsbilanzdefizit und chinesischer Exportüberschuss, Börsenblase,
Immobilienboom, sowie die weltweit rasant wachsende Verschuldung von Privaten,
Unternehmen und Staat. Wann der grosse Crash kommt weiss keiner, doch dass er
kommt darf als sicher gelten, das System des Finanzkapitalismus ist seit je
durch zyklische Krisen gekennzeichnet.
Für die Abzockmanager von UBS und Credit Suisse ist die
implizite Staatsgarantie eine Goldgrube, für die Schweizer Volkswirtschaft ist
sie eine schwere Hypothek. Wenn der Dollar crasht und die Börsen stürzen,
können sich Marcel Ospel und Oswald Grübel auf eine Karibikinsel
verabschieden. Dem Schweizer Staat bleibt dann noch die Sozialisierung der
Verluste.
Heute sind wir soweit, dass selbst ein rechts stehender Sozialdemokrat wie
der Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber sagt: Fast vierzig Prozent
unserer Wertschöpfung stammen aus dem Finanzsektor. Zurzeit geniessen wir
dankbar dieses Klumpenrisiko (...) Wir brauchen eine Wirtschaft, die nicht von
den Vorteilen einer Offshoreökonomie lebt, sondern sich im Wettbewerb
behauptet." (Magazin 46/2006)
Die verstärkte wirtschaftspolitische Kontrolle von UBS und Credit Suisse
durch den Staat ist heute angesichts wachsender systemischer Risiken auf den
Finanzmärkten weniger ein ideologisches, als ein sachliches Erfordernis.
In Tat und Wahrheit geschieht jedoch genau das Gegenteil. Der Bundesrat hat
den einstigen UBS-Topmanager Eugen Haltiner zum neuen Präsidenten der
Bankenkommission erkoren, und optierte damit für die vertrauensvolle
Branchenselbstkontrolle statt kritischer Staatskontrolle. In dreiköpfige
Direktorium der Nationalbank zog nach dem Neoliberalen und einstigen
Hedge-Fonds-Spekulanten Philipp Hildebrand mit Thomas Jordan unlängst der
zweite stramme Neoliberale ein.
Während die Professoren Hildebrand und Jordan die Theorie
liefern, gemäss der die Praktiker Ospel und Grübel Kohle scheffeln solange es
noch geht, bläst Haltiner zum Halali auf Geldwäscher, statt System- und
Anlegerschutz zu machen.
Damit gab die Schweizer Regierung den zwei Grossbanken grünes Licht und
schaffte damit eine Situation, welche die Steuerzahlerinnen und -Zahler dereinst
noch viel teuer zu stehen kommen könnte, als das Swissair-Debakel.
Beispiel gefällig? Während die Finanzmarktüberwachung in London und New York
das riskante Geschäft mit den Hedge Fonds verstärkt ins Visier nimmt,
entwickelt sich der Finanzplatz Schweiz zum Mekka der Hedge Fonds. Das sind
Anlagevehikel die nicht, wie konventionelle Fonds, einfach Wertpapiere kaufen
und auf Kurssteigerung warten, Hedge Fonds machen zusätzlich auch systematisch
Termingeschäfte mit Papieren, bei denen sie Kursrückgange erwarten. Die UBS
hat verkündet sie wolle den weltgrössten Hedgefonds aufbauen. Das per 1.
Januar 2007 in Kraft tretende neue Kollektivanlagegesetz schafft die
Möglichkeit der Kommanditanlagegesellschaft für Kollektivanlagen und damit ein
ideales Rechtsvehikel für Hedge Fonds. Bereits hat der Lockruf des Schweizer
Finanzplatzes Folgen. Unlängst meldete die Londoner Wochenschrift "The
Economist", der bekannte Londoner Hedge-Fonds-Manager Philippe Jabre habe
seine Operationsbasis mit Billigung der Bankenkommission EBK nach Genf
verschoben, nachdem ihm die britische Kontrollbehörde Financial Services
Autority FSA ihm die Lizenz im Vereinigten Königreich entzogen hat.
Neben der volkswirtschaftlich gebotenen verstärkten staatlichen
Kontrolle der Finanzplatzrisiken nun zum zweiten, dem politischen Argument für
eine linke Banken- und Finanzplatzpolitik. Immer mehr rückt in der Schweiz und
anderswo die Wirtschaftspolitik und damit auch die Banken- und
Finanzplatzpolitik ins Zentrum. Die neoliberale Globalisierung ist in die
Defensive geraten, mächtige neue Regionalökonomien sind in Asien und
Südamerika sind im entstehen und neue Ansätze sind gefragt. Kommt noch dazu,
dass das totale Fiasko der US-Aussenpolitik im Nahen Osten nicht bloss die
Neokonservativen Anhänger der islamophoben "Clash-of-Civilizations-These"
schwächt, sondern auch die mit ihnen verbündeten neoliberalen Globalisierer.
Die Standards der Neoliberalen sind bekannt: Staat raus aus der Wirtschaft,
Privatisierung, freie Märkte und die anglo-amerikanische „The-Winner-Takes-All-Mentalität“.
Wirtschaftsdemokratie, das Thema unserer Tagung, gilt in den Augen dieser Kreise
ein ganz besonders rotes Tuch. Der neoliberale Altmeister und Basler
Wirtschaftsprofessor Silvio Borner will den Schweizer Kapitalismus von den
Fesseln der direkten Demokratie befreien
Das ist eine schlechter Deal, die die Borner & Co. der Schweiz offerieren,
eine bessere Welt ist möglich, sagt deshalb die Linke. Doch was heisst heute
„links“? SP, Unia, SolidaritéS, BfS oder gar Revolutionärer Aufbau
Zürich? Folgende Definition eines kleinsten gemeinsamen linken Nenners auf dem
Gebiete der Wirtschaft sei hier gewagt: links ist, wer dem demokratischen Staat
eine zentrale Funktion in der Wirtschaft zuweist. Zum einen als soziale
Umverteilungsmaschine von den Reichen zu den Bedürftigen – Rente, Gesundheit,
Bildung. Und zum anderen als Interventionsmechanismus zur systemischen
Förderung der Schaffung neuer ökologischer und sozialveträglicher
Arbeitsplätze. Eine so definierte Wirtschaftslinke steht auf dem Boden von
Markt und Wettbewerb und sprengt damit den Rahmen des marxistischen
Arbeitersozialismus aus dem 19. und 20. Jahrhundert.
Wenn die Schweizer Mainstream-Linke, sprich die SP und die
Gewerkschaften, ihren nunmehr siebizgjährigen Burgfrieden mit UBS und Credit
Suisse brechen und eine eigenständige Banken- und Finanzplatzpolitik auf die
Tagesordnung setzen, können sie sich ein in diesen globalen Diskurs einklinken.
Statt ewig im eigenen Saft zu schmoren und auf die lokale Rechte von Blocher bis
Fillipo fixiert zu bleiben.
Ob Wirtschaftsdemokratie, neue Arbeitsplätze auf einem sauberen
Finanzplatz, Mikrokredit oder Europa, es gibt kein Thema zu dem eine
wirtschaftslinke Position im hier skizzierten Sinn nichts zu sagen hätte.
Mikrokredit. Bekanntlich rief die UNO das laufende Jahr zum Jahr des
Mikrokredites aus. Der Mikrokredit gilt auch als eine wichtig Waffe von
Weltbankpräsident Paul Wolfowitz, Ex-Vizekrigesminister der USA und
Chefarchitekt der US-Niederlage im Irak, in seinem Krieg gegen die Armut. In der
Praxis heisst Mikrokredit à la Weltbank Kleinkredite für arme Einzelpersonen
mit der Perspektive, vom Tellerwäscher zum Millionär aufzusteigen. Das ist die
neoliberale Variante des Mikrokredites. Daneben gibt es noch eine linke
Variante, angeboten beispielsweise von der Bangla-Deschi- Grameen-Bank des
Muhammad Yunus. Das sind Kleinkredite an Gruppen von Menschen, vor allem Frauen,
mit der Perspektive auf ein selbstbestimmtes Leben in einer Gruppe.
Europa. Nachdem die neoliberale Europapolitik einige Rückschläge einstecken
mussten, ist jetzt eine linke Offensive angesagt. Mit Rückschlägen ist
folgendes gemeint: die neoliberale Europaverfassung hat Bruch gemacht, in
Deutschland verwarf die Mehrheit der Wählerinnen und Wähler den von CDU/CSU
und FDP vorgeschlagenen neoliberalen Abbau des Sozialstaates und in Britannien
ist der Lack von Tony Blairs drittem Weg längst abgeblättert. Wirtschaftskrise
Arbeitslosigkeit und drohender Finanzcrash rücken den linken Diskurs vom Staat
als Wirtschaftsfaktor im Interesse der Normalbevölkerung in den medialen
Mainstream. In den Massenmedien haben die Neoliberalen zurzeit Gegenwind,
hierzulande beispielsweise sichtbar in der Neoliberalismus-kritischen Tendenz
des Ringier-Konzernjournalismus.
In diesem Umfeld könnte die Schweizer Linke könnte zu einer Art
Kompetenzzentrum für Fragen der grenzüberschreitenden Finanz in in einem
sozialeren Europa werden. Statt Hedgfonds zu pushen, könnte die Neuerfindung
des Staatsbankwesens, die Revitalisierung der öffentlich rechtlichen Banken und
lokalen Spar- und Kreditgenossenschaften versucht werden, von denen es
zehntausende in ganz Europa gibt. Die Finanzströme einer neuerfundenen
Europäischen Sozialfinanz müssen grenzüberschreitend vermittelt werden. Das
könnte sozial- und ökoverträgliche Arbeitsplätze in der Schweiz schaffen. Da
sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt.
Ich komme zum Schluss und möchte meine Ausführungen in fünf Thesen
zusammenfassen:
1. SP und Gewerkschaften haben keine eigenständige Banken- und
Finanzplatzpolitik.
2. Die linke Banken- und Finanzplatz-Politik gehört auf die Tagesordnung.
3. Wer Finanzplatz sagt, redet vor allem von UBS und Credit Suisse.
4. UBS und Credit Suisse sollten ihre implizite Staatsgarantie abgelten und
gehören besser überwacht.
5. Die Erarbeitung einer Banken- und Finanzplatzpolitik klinkt die Schweizer
Linke in einen globalen Diskurs ein.
Zürich, den 10. November 2006
Gian Trepp, trepp@treppresearch.com