Siegt sich die Marktwirtschaft zu Tode?

Drei destruktive Trends

Die Wochenzeitung; 29.04.1994;

Drei destruktive Globaltrends markieren die Entwicklung der aktuellen Weltwirtschaft: Der Rationalisierungszwang vernichtet Arbeitsplätze und zersetzt die Gesellschaft. Die Spekulation mit Finanzderivaten zerstört das Vertrauen in den Geldwert. Der Boom in Asien steigert die Umweltzerstörung zum Ökokollaps.

Von Gian Trepp

1. Rationalisierungszwang vernichtet Arbeitsplätze

Auf dem Gebiet der rationellen Produktion und Verteilung von Waren und Dienstleistungen ist die Marktwirtschaft das erfolgreichste Wirtschaftssystem aller Zeiten. Ob legale Produkte wie Autos und Finanzderivate oder illegale Produkte wie Kokain und Pornovideos: Der Mix aus Wettbewerb und Profitstreben schafft und befriedigt Angebot und Nachfrage der Menschen nach Waren effizienter als jede Form von sozialistischer Planwirtschaft. Eine unabdingbare Voraussetzung für Effizienz am Markt ist der Rationalisierungszwang. Dieser Zwang verschärft gegenwärtig in den westlichen Industrieländern die strukturelle Sockelarbeitslosigkeit dramatisch. Gleichzeitig verunmöglichen die von der elektronischen Revolution ausgelösten arbeitssparenden Produktivitätsschübe die Entstehung einer genügenden Anzahl von Arbeitsplätzen in den neuen Marktwirtschaften im Süden und Osten. Die Folgen der marktinduzierten Entwertung der menschlichen Arbeitskraft vermindern das Lohneinkommen und lassen immer breitere Schichten verelenden. Und sie zersetzen darüber hinaus die Gesellschaft.

Das marktwirtschaftliche Rezept gegen die auch im Konjunkturaufschwung verbleibende Sockelarbeitslosigkeit ist die volle Flexibilisierung des Arbeitsmarktes durch Abschaffung von Tariflöhnen und Gesamtarbeitsverträgen. Setzt sich dieses Rezept auf den Arbeitsmärkten voll durch, verschärft sich der Zerfall der bürgerlich-demokratischen Sozialstaaten Europas - von der Zweidrittelgesellschaft Richtung Eindrittelgesellschaft. Die Verhältnisse bei uns würden sich zunehmend den heute im Süden und Osten herrschenden Verhältnissen angleichen.

2. Finanzderivate zerstören das Geld

Finanzderivate sind der Stolz des kapitalistischen High-Tech-Banking. Nirgendwo - auch nicht beim Geldwaschen - machen die grossen internationalen Banken heute höhere Profite. (Derivate sind Finanzinstrumente, deren Wert sich vom Wert eines Basiswertes wie zum Beispiel einer Aktie oder einer Obligation ableitet; siehe WoZ Nr. 44/93.) Hier freiwillig ganz auszusteigen käme für eine profitorientierte Bank dem wirtschaftlichen Selbstmord gleich. Heute ist die Spekulation mit Finanzderivaten auf den globalen elektronischen Finanzmärkten faktisch ausser Kontrolle geraten. Die von der Realwirtschaft abgekoppelte elektronische Derivatwährung mit ihren astronomischen Umsätzen destabilisiert das durch die Geldpolitik der Zentralbanken an die Realwirtschaft gekoppelte Geld.

Mit Hilfe dieser unbegrenzt vermehrbaren Derivatwährung können Risiken gekauft und verkauft werden, die einst fester Bestandteil des unteilbaren unternehmerischen Risikos des Kapitalisten waren. Im Währungsraum Schweiz, wo mit den Grossbanken drei der grössten internationalen Derivathändler domiziliert sind, ist das Missverhältnis zwischen dem privat und unkontrolliert geschöpften elektronischen «Derivat-Franken» und dem staatlich kontrolliert geschöpften «Nationalbank-Franken» besonders krass. Der Betrag der offenen Derivatkontrakte der drei Schweizer Grossbanken ist beinahe zwanzigmal höher als das gesamte schweizerische Bruttosozialprodukt. Kommt es tatsächlich zum vielerorts befürchteten grossen Zusammenbruch der Derivatmärkte, so hätte das unabsehbare Auswirkungen für den mit einem Klumpenrisiko im Derivatgeschäft belasteten Finanzplatz Schweiz. Der Derivatcrash - das heisst die plötzliche Realwerdung aller via Derivate nur finanztechnisch verdrängten realwirtschaftlichen Risiken - führte zu einer schockartigen Kapitalentwertung, welche die Funktionsfähigkeit der gesamten Weltwirtschaft und Weltfinanz bedrohen würde.

3. Der Boom in Asien führt zum Ökokollaps

Zurzeit erlebt die Welt eine explosionsartige Ausdehnung der Märkte für Kapital, Arbeit und Waren in Asien. Genauer: in China, Indien, Vietnam, Indonesien, Malaysia, Thailand und auf den Philippinen, wo rund 2,3 Milliarden Menschen leben. Das kapitalistische Wirtschaftswunder der vergangenen drei Jahrzehnte in Japan und den vier kleinen Tigern Südkorea, Taiwan, Hongkong und Singapur war nur der Vorgeschmack dessen, was der Welt noch bevorsteht. Erstmals im Rahmen der erfolgreichen Marktwirtschaft organisiert, wird die Produktivkraft dieser Menschen den Ressourcendurchlauf in der Industrieproduktion und im Massenkonsum derart steigern, dass der globale Ökokollaps in ein akutes Stadium überzugehen droht.

Der Boom in Asien lässt neue Binnenmärkte entstehen, auf denen sich eine von den Industrieländern autonome Marktdynamik mit eigeninduzierten Konjunkturzyklen entwickelt. Was zurzeit in Ostasien abgeht, ist gewissermassen das Finale furioso des Marktes. Der Aufbau von eigenständigen Binnenmärkten, der in Westeuropa 200 Jahre, in den USA 150 Jahre, in Japan 100 Jahre und in Südkorea 50 Jahre dauerte, wiederholt sich jetzt in Ostasien (mit Zentrum China) in nochmals kürzerer Zeit. Es wäre ein Fehler, die zweistelligen Wachstumsraten Chinas nur auf die erfolgreiche Integration eines Teils der chinesischen Wirtschaft in den bestehenden Weltmarkt zurückzuführen. Das Beispiel der Schweizer Ingenieurfirma Ems-Inventa illustriert diesen Sachverhalt exemplarisch: Ems-Inventa leitet in China den Bau von über 20 grossen Polyester-Fabriken. Diese beliefern die dortige Textilindustrie mit dem nötigen Rohstoff zur Kreation von jährlich zwei Synthetik-Kollektionen. Damit wird nicht nur der Westmarkt beliefert, damit ist auch die Basis für eine modegetriebene, sexualisierte Textilwirtschaft gelegt - der unvergessene Mao-Anzug war unifarben, unisex, aus Baumwolle und musste erst ersetzt werden, wenn er nicht mehr zu flicken war.

Der «asiatische Weg» als Ausweg?

In den Boomregionen Ostasiens ist zurzeit viel die Rede vom «asiatischen Weg». Von einer neuen Ideologie, welche die Marktwirtschaft mit den Lehren des chinesischen Weisen Konfuzius zu verschmelzen versucht, der vor 2500 Jahren Autorität, Disziplin, Familienwerte und Kollektivismus predigte. Neo-Konfuzianer wie Lee Kuan Yew aus Singapur oder der malaysische Ministerpräsident Mahathir Mohamed probieren dabei, Marktwirtschaft mit Kollektivismus zu kombinieren. Mahathir bringt als Malaye zusätzlich den Kollektivismus muslimischer Tradition in den «asiatischen Weg» ein. Von westlichem Liberalismus und westlicher Demokratie hält er nichts, diese verursachten nur «moralischen Niedergang, mangelnde Leistungsbereitschaft am Arbeitsplatz, Homosexualität und ledige Mütter». Mit ihrem Konzept verfolgen Lee Kuan Yew, Mahathir und andere nicht etwa ökologische Ziele. Ganz im Gegenteil: Es geht ihnen darum, mit autoritären Methoden das Wirtschaftswachstum noch zu erhöhen.

Gibt es einen Ausweg aus dem hier skizzierten Untergangsszenario? Oder geht die siegreiche Marktwirtschaft, nachdem die Verschwörung der Kommunistischen Internationalen von Marx bis Mao den revolutionären Umsturz nicht geschafft hat, jetzt an ihren inneren Widersprüchen zugrunde? Die Geschichte hat bisher sämtliche VerkünderInnen eines systemimmanent bewirkten Untergangs der Märkte Lügen gestraft. Wahr ist allerdings auch, dass die Gefahr eines Dreifachkollapses in Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt etwas völlig Neues ist.