Sonntagszeitung 23. Mai 1999

 

Das Versprechen von der hohen Rendite endete tödlich

Ein Toggenburger Bauer nahm sich das Leben, weil er bei Optionsgeschäften mit der Fullpoint Finanz AG hohe Verluste machte

VON GIAN TREPP 

WATTWIL SG - Ein Toggenburger Bergbauer wurde nach Ansicht seiner Angehörigen von Mitarbeitern der Zuger Fullpoint Finanz AG dazu verführt, den geplanten Stallausbau mit Optionsgeschäften im Ausland zu finanzieren. Nach Verlusten von rund 40 000 Franken nahm er sich das Leben.

Anfang Mai 1998 bekam der Wattwiler Landwirt Fridolin Metzger einen Telefonanruf eines Mitarbeiters der Fullpoint Finanz AG in Zug. Wenig später brachte ihm der Briefträger eine Hochglanzbroschüre dieser Firma ins Haus. «Derivate Anlagen gelten als absolute Leckerbissen (. . .) Renditen bis zu 50%!!!», hiess es da, die allerdings von Kleinanlegern nur mit Hilfe von Spezialisten zu erzielen seien.

Dieses verführerische Angebot war bei Metzger auf Interesse gestossen. Er hatte schon seit langem davon geträumt, den Stall zu vergrössern. Und im Unterschied zu den mageren zwei Prozent Zins, die sein Sparheft jährlich abwarf, hätten 50 Prozent Rendite aus dem Derivatgeschäft dazu beitragen können, die Rechnungen der Bauhandwerker zu bezahlen.

Metzger lebte alleine auf dem Heimet, nachdem seine Tante gestorben und seine Mutter ins Altersheim gekommen war. Die wunderbaren Profitversprechen des Fullpoint-Teams zeigten beim Bergbauern Wirkung. Ohne seinen unweit entfernt lebenden zwei Geschwistern und deren erwachsenen Kindern ein Sterbenswörtchen davon zu verraten, stieg der Junggeselle in die Optionsspekulation ein.

Obwohl die auch von Metzger unterschriebenen allgemeinen Geschäftsbedingungen der Fullpoint Finanz auf das Risiko hinweisen, bei ungünstigem Verlauf das gesamte für den Optionskauf eingesetzte Kapital zu verlieren, muss auf Grund der nachfolgenden Ereignisse bezweifelt werden, dass sich der eher praktisch veranlagte Bergbauer der Risiken des komplexen Optionsgeschäftes tatsächlich bewusst war. Wie Metzgers Schwester schildert, hatte er wenig gelesen und geschrieben und seine engere Heimat kaum je verlassen.

Brokerfirma von Fullpoint machte Konkurs und wurde geschlossen

Aus der Dokumentation, welche die Familie der SonntagsZeitung überlassen hat, geht zudem hervor, dass der über 30-seitige Klientenvertrag der von der Fullpoint empfohlenen Londoner Brokerfirma Union CAL Limited nur teilweise ins Deutsche übersetzt war; Metzger verstand kein Englisch.

Kurz nachdem Metzger im Juni 1998 der Zürcher Brokerfirma F&O Finance AG 21 000 Franken einbezahlt hatte, wie von Fullpoint warm empfohlen, erlebte er eine erste negative Überraschung. Die Gesellschaft wurde von der Eidgenössischen Bankenkommission geschlossen und ging in Konkurs. Im September 1998 bekam Metzger schliesslich ein Schreiben vom Liquidator, der ihn freundlich darauf aufmerksam machte, dass er als F&O-Gläubiger höchstwahrscheinlich schwere Verluste hinzunehmen habe.

Trotz des happigen Verlusts bei den Brokern, die ihm Fullpoint empfohlen hatte, stieg Metzger nicht aus dem Geschäft aus. Er verlangte von Fullpoint auch keinen Ersatz für den Schaden, der ihm durch die unqualifizierte Empfehlung entstanden war, der Firma F&O sein Vertrauen zu schenken.

Im Gegenteil. Nach dem Flop mit der F&O ging es erst recht los. Im Dezember 1998 erwischte er mit Optionen auf die Aktien des US-Internetproviders America Online die richtige Welle und konnte einen grösseren Gewinn einstreichen. Das löste beim Bergbauern einen regelrechten Kaufrausch aus.

Im Januar 1999 empfahl ihm das Fullpoint-Team den Kauf von Optionen im Wert von gegen 50 000 Franken auf Aktien von teilweise wenig bekannten US-Firmen. Für diese aus einigen wenigen Telefonaten und Briefen bestehende so genannte Dienstleistung hat Fullpoint in Übereinstimmung mit den allgemeinen Geschäftsbedingungen rund 20 000 Franken Kommission verlangt.

Das für Finanzlaien schwierige Optionsgeschäft schien dem Toggenburger Bauern mehr und mehr über den Kopf zu wachsen. Wie seine Schwester berichtete, wurde er seit Anfang Februar gegenüber seiner Familie immer einsilbiger und mürrischer. Die horrenden Kommissionsrechnungen der Fullpoint und die in unverständlichem Englisch abgefassten Abrechnungen und Korrespondenzen seiner Londoner Brokerfirma Union CAL Limited verschwanden einfach in einer Schublade.

Der Verlust von 40 000 Franken trieb Fridolin Metzger in den Tod

Da Fridolin Metzger keine Aufstellung über seine effektiven Einnahmen und Ausgaben im Optionsgeschäft aus seiner Sicht geführt hat, besass er keinerlei Überblick über die effektive Höhe seiner Verluste. Anhand der vorliegenden Dokumente kann von einem Verlust von rund 40 000 Franken ausgegangen werden. Das Nachlassinventar des Gerichtes in Lichtensteig muss über den genauen Betrag noch Klarheit schaffen.

Der gut katholische Metzger, in dessen Wohnstube ein kleines Weihwassergefäss und die heilige Madonna an der Wand hingen, muss von grosser Verzweiflung gepackt worden sein. Anstatt mit seinen Angehörigen zu reden oder sich wie andere enttäuschte Kunden gegen die Fullpoint zur Wehr zu setzen, sah der Verzweifelte keinen Ausweg mehr, sagt seine Schwester. Am 13. März 1999 hat er sich im Holzschopf das Leben genommen. 

Fullpoint kassiert immer, der Kunde praktisch nie
Die Fullpoint Finanz AG berät unerfahrene Kleinanleger beim Kauf und Verkauf von Optionen auf Aktien, Devisen, Zinsen und Rohstoffen. Solche Finanztermingeschäfte sind letztlich eine Wette auf den künftigen Kursverlauf des betreffenden Wertes an der Börse. Neben der Beratung vermittelt Fullpoint seinen Kunden auch den Broker, das heisst den spezialisierten Börsenhändler, der die empfohlenen Transaktionen am jeweiligen Platz konkret abwickelt.
Für diese Beratungsleistung verlangt Fullpoint eine zum grössten Teil im Voraus zahlbare Kommission von 40 Prozent der Nettoinvestition, die auch bei einem Verlustgeschäft bezahlt werden muss. Für die Leistung des Brokers wird zusätzlich eine Kommission von 5 bis 10 Prozent der verbleibenden Bruttoinvestition fällig. Anders gesagt: Nur gut die Hälfte des vom Fullpoint-Kunden einzuzahlenden Betrages wird tatsächlich auf den Finanzmärkten investiert.
Unter solchen Voraussetzungen ist es fast ausgeschlossen, dass Fullpoint-Kunden auf die Dauer reale Gewinne machen können. Selbst bei der extrem optimistischen Annahme eines dauerhaften 100-prozentigen Gewinnes wären bloss die eigenen Kosten abgedeckt. 
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