Das Versprechen von der hohen Rendite endete tödlich
Ein Toggenburger Bauer nahm sich das Leben, weil er bei Optionsgeschäften
mit der Fullpoint Finanz AG hohe Verluste machte
VON GIAN TREPP
WATTWIL SG - Ein Toggenburger Bergbauer wurde nach Ansicht seiner
Angehörigen von Mitarbeitern der Zuger Fullpoint Finanz AG dazu verführt,
den geplanten Stallausbau mit Optionsgeschäften im Ausland zu finanzieren.
Nach Verlusten von rund 40 000 Franken nahm er sich das Leben.
Anfang Mai 1998 bekam der Wattwiler Landwirt Fridolin Metzger einen Telefonanruf
eines Mitarbeiters der Fullpoint Finanz AG in Zug. Wenig später brachte
ihm der Briefträger eine Hochglanzbroschüre dieser Firma ins
Haus. «Derivate Anlagen gelten als absolute Leckerbissen (. . .)
Renditen bis zu 50%!!!», hiess es da, die allerdings von Kleinanlegern
nur mit Hilfe von Spezialisten zu erzielen seien.
Dieses verführerische Angebot war bei Metzger auf Interesse gestossen.
Er hatte schon seit langem davon geträumt, den Stall zu vergrössern.
Und im Unterschied zu den mageren zwei Prozent Zins, die sein Sparheft
jährlich abwarf, hätten 50 Prozent Rendite aus dem Derivatgeschäft
dazu beitragen können, die Rechnungen der Bauhandwerker zu bezahlen.
Metzger lebte alleine auf dem Heimet, nachdem seine Tante gestorben und
seine Mutter ins Altersheim gekommen war. Die wunderbaren Profitversprechen
des Fullpoint-Teams zeigten beim Bergbauern Wirkung. Ohne seinen unweit
entfernt lebenden zwei Geschwistern und deren erwachsenen Kindern ein
Sterbenswörtchen davon zu verraten, stieg der Junggeselle in die
Optionsspekulation ein.
Obwohl die auch von Metzger unterschriebenen allgemeinen Geschäftsbedingungen
der Fullpoint Finanz auf das Risiko hinweisen, bei ungünstigem Verlauf
das gesamte für den Optionskauf eingesetzte Kapital zu verlieren,
muss auf Grund der nachfolgenden Ereignisse bezweifelt werden, dass sich
der eher praktisch veranlagte Bergbauer der Risiken des komplexen Optionsgeschäftes
tatsächlich bewusst war. Wie Metzgers Schwester schildert, hatte
er wenig gelesen und geschrieben und seine engere Heimat kaum je verlassen.
Brokerfirma von Fullpoint machte Konkurs und wurde geschlossen
Aus der Dokumentation, welche die Familie der SonntagsZeitung überlassen
hat, geht zudem hervor, dass der über 30-seitige Klientenvertrag der
von der Fullpoint empfohlenen Londoner Brokerfirma Union CAL Limited nur
teilweise ins Deutsche übersetzt war; Metzger verstand kein Englisch.
Kurz nachdem Metzger im Juni 1998 der Zürcher Brokerfirma F&O
Finance AG 21 000 Franken einbezahlt hatte, wie von Fullpoint warm empfohlen,
erlebte er eine erste negative Überraschung. Die Gesellschaft wurde
von der Eidgenössischen Bankenkommission geschlossen und ging in
Konkurs. Im September 1998 bekam Metzger schliesslich ein Schreiben vom
Liquidator, der ihn freundlich darauf aufmerksam machte, dass er als F&O-Gläubiger
höchstwahrscheinlich schwere Verluste hinzunehmen habe.
Trotz des happigen Verlusts bei den Brokern, die ihm Fullpoint empfohlen
hatte, stieg Metzger nicht aus dem Geschäft aus. Er verlangte von
Fullpoint auch keinen Ersatz für den Schaden, der ihm durch die unqualifizierte
Empfehlung entstanden war, der Firma F&O sein Vertrauen zu schenken.
Im Gegenteil. Nach dem Flop mit der F&O ging es erst recht los. Im
Dezember 1998 erwischte er mit Optionen auf die Aktien des US-Internetproviders
America Online die richtige Welle und konnte einen grösseren Gewinn
einstreichen. Das löste beim Bergbauern einen regelrechten Kaufrausch
aus.
Im Januar 1999 empfahl ihm das Fullpoint-Team den Kauf von Optionen im
Wert von gegen 50 000 Franken auf Aktien von teilweise wenig bekannten
US-Firmen. Für diese aus einigen wenigen Telefonaten und Briefen
bestehende so genannte Dienstleistung hat Fullpoint in Übereinstimmung
mit den allgemeinen Geschäftsbedingungen rund 20 000 Franken Kommission
verlangt.
Das für Finanzlaien schwierige Optionsgeschäft schien dem Toggenburger
Bauern mehr und mehr über den Kopf zu wachsen. Wie seine Schwester
berichtete, wurde er seit Anfang Februar gegenüber seiner Familie
immer einsilbiger und mürrischer. Die horrenden Kommissionsrechnungen
der Fullpoint und die in unverständlichem Englisch abgefassten Abrechnungen
und Korrespondenzen seiner Londoner Brokerfirma Union CAL Limited verschwanden
einfach in einer Schublade.
Der Verlust von 40 000 Franken trieb Fridolin Metzger in den Tod
Da Fridolin Metzger keine Aufstellung über seine effektiven Einnahmen
und Ausgaben im Optionsgeschäft aus seiner Sicht geführt hat,
besass er keinerlei Überblick über die effektive Höhe seiner
Verluste. Anhand der vorliegenden Dokumente kann von einem Verlust von rund
40 000 Franken ausgegangen werden. Das Nachlassinventar des Gerichtes in
Lichtensteig muss über den genauen Betrag noch Klarheit schaffen.
Der gut katholische Metzger, in dessen Wohnstube ein kleines Weihwassergefäss
und die heilige Madonna an der Wand hingen, muss von grosser Verzweiflung
gepackt worden sein. Anstatt mit seinen Angehörigen zu reden oder
sich wie andere enttäuschte Kunden gegen die Fullpoint zur Wehr zu
setzen, sah der Verzweifelte keinen Ausweg mehr, sagt seine Schwester.
Am 13. März 1999 hat er sich im Holzschopf das Leben genommen.
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Fullpoint kassiert immer,
der Kunde praktisch nie
Die Fullpoint Finanz AG berät unerfahrene Kleinanleger
beim Kauf und Verkauf von Optionen auf Aktien, Devisen, Zinsen und
Rohstoffen. Solche Finanztermingeschäfte sind letztlich eine
Wette auf den künftigen Kursverlauf des betreffenden Wertes an
der Börse. Neben der Beratung vermittelt Fullpoint seinen Kunden
auch den Broker, das heisst den spezialisierten Börsenhändler,
der die empfohlenen Transaktionen am jeweiligen Platz konkret abwickelt.
Für diese Beratungsleistung verlangt Fullpoint
eine zum grössten Teil im Voraus zahlbare Kommission von 40 Prozent
der Nettoinvestition, die auch bei einem Verlustgeschäft bezahlt
werden muss. Für die Leistung des Brokers wird zusätzlich
eine Kommission von 5 bis 10 Prozent der verbleibenden Bruttoinvestition
fällig. Anders gesagt: Nur gut die Hälfte des vom Fullpoint-Kunden
einzuzahlenden Betrages wird tatsächlich auf den Finanzmärkten
investiert.
Unter solchen Voraussetzungen ist es fast ausgeschlossen,
dass Fullpoint-Kunden auf die Dauer reale Gewinne machen können.
Selbst bei der extrem optimistischen Annahme eines dauerhaften 100-prozentigen
Gewinnes wären bloss die eigenen Kosten abgedeckt. |
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