SonntagsZeitung; 02.10.2005; Seite 25
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Mehr Geld für Holocaust-Opfer
«Das Kapitel IG Farben/ Interhandel ist noch längst nicht zugeschlagen», schreibt der deutsche Autor Volker Koop in «Das schmutzige Vermögen: Das Dritte Reich, die IG Farben und die Schweiz». Koop beschreibt die Geschichte der Auslandfilialen des deutschen IG-Farben-Konzerns, die dieser 1928 in die Schweizer Holding IG Chemie (ab 1945 Interhandel) eingebracht hatte.
Auf Grund neuer Quellen kommt Koop zum Schluss, Interhandel sei bis 1945 getarntes deutsches Auslandsvermögen geblieben und hätte folglich nicht an die Schweiz fallen dürfen.
Sein Schlüsseldokument ist ein Vertrag, der 1950 direkt zwischen der US-Filiale der IG Farben und dem Agfa Camera-Werk München (Ex-IG Farben) ausgehandelt wurde. Konnte Interhandel hier übergangen werden, so Koop, dann kann die US Farbenfiliale, deren Aktien Interhandel besass, nicht schweizerisch gewesen sein.
Im Unterschied zu Koop geht die vom Historiker Mario König verfasste Interhandel-Studie der Bergier-Kommission davon aus, Interhandel sei 1940 rechtlich einwandfrei eingeschweizert worden und das (Teil-)Vermögen der Interhandel rechtens in der Schweiz geblieben.
Koop aber fordert von der UBS weitere Entschädigungszahlungen an Holocaust Opfer. Von der UBS, weil ein Teil des Interhandel-Vermögens 1966 bei der UBS-Vorgängerin Bankgesellschaft gelandet war. Wer hat Recht - König oder Koop?
Die Antwort liegt in unterschiedlichen Geschichtsbildern. König schreibt Schweizer Geschichte. Er untersuchte, ob Interhandel nach 1940 gemäss Schweizer Recht schweizerisch war. Dass Interhandel auch später von nazifreundlichen Schweizer Vertrauensmännern kontrolliert wurde, weiss er. Diese konspirative Form von Unternehmenskontrolle bleibt ihm jedoch zweitrangig, weil formaljuristisch nicht fassbar.
Koop schreibt Holocaustgeschichte. Er sucht die materiellen Reste von IG Farben, Mitbetreiberin von Auschwitz, um sie den Opfern zu geben. Dass Interhandel 1940 rechtlich eingeschweizert wurde, ist zweitrangig, weil die Firma de facto weiterhin von loyalen Schweizer Geranten kontrolliert wurde.
Obwohl schwer lesbar, ist Koops Buch ein valabler Beitrag zur Schweizer Finanzgeschichte des 20. Jahrhunderts. Gian Trepp
Volker Koop, Das schmutzige Vermögen, Siedler, Fr. 38.60