Neue Zuercher Zeitung, 25.11.1994, S. 25
Ein Rueckblick am Ende einer Ara
Das Gewicht der Vereinigten Staaten in der BIZ
Einfluss trotz nicht besetzten Verwaltungsratssitzen
Von Gian Trepp *
Unlaengst hat der Gouverneursrat des Federal Reserve System (Fed) beschlossen, sich ab September 1994 durch seinen Chef, Alan Greenspan, und den Praesidenten der Federal Reserve Bank of New York, William McDonough, erstmals im Verwaltungsrat der Bank fuer Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) vertreten zu lassen. Die dem Fed seit der BIZ-Gruendung (1930) offengehaltenen zwei Verwaltungsratssitze waren offiziell bis vor kurzem unbesetzt geblieben. Die Vereinigten Staaten vertraten ihre Interessen im Rahmen der BIZ waehrend 64 Jahren ohne formelles Stimmrecht. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Amerikaner nie eine aktive Rolle gespielt haetten: Zwischen 1930 und 1946 amtierten in Basel drei amerikanische BIZ-Praesidenten.
Die Entstehung der BIZ in den Jahren 1929/30 fusste zum einen in der Reorganisation der deutschen Reparationen im sogenannten Young-Plan und zum anderen im Bestreben der Zentralbanken Europas und der USA nach internationaler Kooperation. Im Januar 1929 versammelten sich die fuehrenden internationalen Finanzexperten in Paris zu einer Konferenz mit dem Ziel einer Neuordnung der Reparationen, die Deutschland den Siegern des Ersten Weltkrieges zahlen musste. Teilnehmer waren neben dem Praesidenten der Deutschen Reichsbank und den Zentralbankchefs der Reparationsglaeubiger Frankreich, England, Belgien und Italien auch Vertreter aus der privaten Bankenwelt Europas und Japans. Die Vereinigten Staaten, die auf den Erhalt von Reparationen verzichtet hatten, wurden vom damals maechtigsten US-Bankier, John P. Morgan jr., vertreten.
Am 7. Juni 1929 stellte der amerikanische Konferenzchef (und Morgan-Partner) Owen D. Young der Presse den neuen Plan vor. Leitmotiv war die Entpolitisierung der Reparationen durch die Schaffung einer neuen, ueberstaatlichen "Bank fuer Internationalen Zahlungsausgleich". Die neue Bank sollte in Deutschland die Reparationen einkassieren und an die Zentralbanken der Siegermaechte verteilen. Auf Anregung des Gouverneurs der Bank of England, Montagu C. Norman, wurde das Pflichtenheft der geplanten Bank mit einem zweiten Aufgabenbereich ergaenzt, naemlich mit der Foerderung der Zusammenarbeit der Zentralbanken.
Im Zeichen des Isolationismus
J. P. Morgan und Owen Young hatten vorgesehen, den Praesidenten der Federal Reserve Bank of New York, Gates W. McGarrah, als Vertreter Amerikas in den Verwaltungsrat der neuen Bank zu delegieren. Dagegen erhoben jedoch isolationistisch gesinnte Politkreise in Washington sogleich das Veto. Als besonders scharfer Gegner eines solchen Engagements der New York Fed bei der BIZ profilierte sich der einflussreiche demokratische Kongressabgeordnete und Bankenkritiker Louis T. McFadden. Er wollte nicht nur das amerikanische Engagement in Europa abbauen, sondern auch den Einfluss Morgans im Fed reduzieren. Er wollte zudem verhindern, dass sich die seiner Meinung nach von Morgan dominierte Federal Reserve Bank of New York in der BIZ Spielraum fuer eine von der Regierung schwer zu kontrollierende Aussenpolitik verschaffen. Dem designierten amerikanischen BIZ-Vertreter McGarrah, Expraesident der von Morgan kontrollierten Chase National Bank of New York, traute McFadden nicht. Nach einigem Hin und Her gelang es ihm schliesslich, Praesident Herbert Hoover auf seine Seite zu ziehen. Hoover verbot daraufhin allen Fed-Gouverneuren den Einsitz im BIZ-Verwaltungsrat.
Die Zeit von McGarrah
J. P. Morgan waere nicht der maechtigste Bankier der Welt geworden, haette er sich seine Plaene in Basel vom Verbot einiger Politiker durchkreuzen lassen. Sein Wunschkandidat McGarrah demissionierte vom Praesidentenamt der New Yorker Fed und wurde erster vollamtlicher BIZ-Praesident. Den Kapitalanteil Amerikas zeichnete nicht das Fed, sondern ein von Morgans First National Bank of New York gefuehrtes Bankensyndikat, welches zugunsten des Fed auf die Besetzung der ihm zustehenden Verwaltungsratssitze verzichtete. Fuer McGarrah lohnte sich der Wechsel von New York nach Basel vor allem finanziell, denn sein erstes Jahressalaer betrug steuerfreie 250 000 Fr. (Zum Vergleich: Der damalige Generaldirektor der Schweizerischen Bankgesellschaft, Paul Jaberg, versteuerte laut dem Zuercher Steuerregister im Jahr 1930 mit 119 000 Fr. nur gerade knapp die Haelfte.) Wenige Monate nach der BIZ-Eroeffnung laeutete der Crash an der Wall Street die Weltwirtschaftskrise ein, und im Gefolge der deutschen Bankenkrise verkuendete Praesident Hoover am 1. Juli 1931 einen einjaehrigen Zahlungsstopp fuer die Reparationen. Im Sommer 1932 schliesslich wurden alle Reparationsbeschluesse an einer Konferenz in Lausanne endgueltig "beerdigt". Damit war auch die "Reparationsbank" ueberfluessig geworden, und BIZ-Praesident McGarrah demissionierte Ende 1932 noch vor dem Ablauf seiner dreijaehrigen Amtszeit. Die BIZ ueberlebte, weil die Zentralbanken nicht auf ihre monatlichen Basler Gespraeche verzichten wollten; neuer Praesident wurde McGarrahs Stellvertreter Leon Fraser.
Auswirkungen des "New Deal"
Der schillernde Wall-Street-Bankier Leon Fraser ging als "enfant terrible" seiner Zunft in die amerikanische Bankengeschichte ein. Er begann seine Karriere als Skandalreporter bei der "New York Post" und soll 1916 den Militaerdienst aus Gewissensgruenden verweigert haben. Spaeter schloss er an der Columbia-Universitaet mit dem Doktor iur. ab und stieg ins Bankenwesen ein. Mitte der zwanziger Jahre wechselte er in die Verwaltungsbehoerde des sogenannten Dawes-Planes (eines Vorlaeufers des Young-Planes) und wurde schliesslich 1930 als technischer Spezialist zum Vizepraesidenten McGarrahs befoerdert. Seine eigene BIZ-Praesidentschaft dauerte von Anfang 1933 bis Ende 1935. Waehrend jener Zeit zerbrach das von Morgan konzipierte Gebilde der indirekten Vertretung des Fed in der BIZ ueber ein kapitalzeichnendes privates amerikanisches Bankensyndikat einerseits, kombiniert mit einem amerikanischen BIZ-Praesidenten anderseits. Die mit dem Slogan "New Deal" angetretene, den Banken gegenueber kritische Regierung von Praesident Roosevelt etablierte das Banken-Trennsystem, das die auf dem Universalbanken-System fussende Macht des krisengeschuettelten "House of Morgan" brach. Dazu kam ein neues Zentralbankengesetz. Die den Wall-Street-Banken nahestehende New York Fed verlor damit ihre Dominanz in Fragen der internationalen Waehrungspolitik an den Gouverneursrat in Washington, der unter starkem Einfluss von Finanzminister Henry Morgenthau stand.
Widerstand aus Washington
Morgenthau war ein ueberzeugter Staatsinterventionist, und als solcher war ihm das Engagement des privaten amerikanischen Bankensyndikats in der BIZ ein Dorn im Auge. Den sofortigen Abgang eines deutschen BIZ-Verwaltungsrats nach der Machtuebernahme Hitlers im Januar 1933, naemlich des juedischen Hamburgers Carl Melchior (Teilhaber von M. M. Warburg & Co.), goutierte Morgenthau nicht, ebensowenig Melchiors Nachfolger, Baron Kurt von Schroeder (1943 dekorierte SS-Chef Heinrich Himmler den SS-General und BIZ-Verwaltungsrat von Schroeder fuer seinen Einsatz als oberster SS- und Polizeifuehrer im besetzten Lettland mit Ehrendegen und Totenkopfring). Nachdem BIZ-Gegner Morgenthau im Herbst 1935 dem Praesidenten der New York Fed, George Harrison, eine Reise nach Basel verboten hatte, demissionierte Leon Fraser. Er kehrte nach New York zurueck und wurde Vizepraesident der First National Bank of New York. Da Morgenthau nicht auf Insider-Informationen aus der BIZ verzichten wollte, ernannte er den zweiten Sekretaer der US-Botschaft in Paris, Merle Cochran, zu seinem persoenlichen Sondergesandten in Basel, wo dieser bis zum Kriegsausbruch dabeisein durfte.
Einfluss Nazi-Deutschlands
Mit der Wahl des dritten amerikanischen BIZ-Praesidenten, Thomas H. McKittrick, im Juni 1939 hatten weder J. P. Morgan noch das Fed etwas zu tun. McKitterick war bereits 1922 von der amerikanischen Investmentbank Lee Higginson von New York nach London geschickt worden. Den BIZ-Posten bekam er auf Empfehlung der Bank of England. Bei seinem Antrittsbesuch im Januar 1940 in Berlin versprach McKittrick dem Reichsbankpraesidenten und BIZ-Verwaltungsrat Walther Funk eine vorurteilsfreie Fuehrung seines delikaten Amtes als BIZ-Praesident nach Kriegsausbruch, was keine einfache Aufgabe darstellte, setzten sich doch Verwaltungsrat und Angestellte aus Angehoerigen der kriegfuehrenden Nationen zusammen. Als die USA nach Pearl Harbor im Dezember 1941 ebenfalls in den Krieg eintraten, hatten die direkt von den Zentralbanken der Achsenmaechte nach Basel abgeordneten BIZ-Kaderleute einen Chef aus einem Feindesstaat (fuenf von der Reichsbank, drei von der Banca d'Italia sowie der japanische Abteilungsleiter der Devisenabteilung). Dazu kam der temporaer von Berlin nach Basel abgeordnete pensionsberechtigte Reichsbankdirektor und BIZ-Generaldirektor Paul Hechler, der von Anfang bis Ende des Krieges vom amerikanischen BIZ- Praesidenten Weisungen entgegennehmen sollte. Eine unmoegliche Situation? Die neutrale BIZ in der neutralen Schweiz machte das Unmoegliche moeglich: Die Feinde kollaborierten, und die BIZ ueberlebte den Krieg.
Spielball politischer Interessen
McKittrick sorgte fuer den direkten Kontakt mit Gouverneur George Harrison sowie dessen Nachfolger, Allan Sproul von der Fed New York, und liess auch die Verbindungen zu Leon Fraser nicht abbrechen. Dokumentarisch belegt ist beispielsweise die Spedition eines Briefes von Fraser in New York via McKittrick und Paul Hechler nach Berlin. Umgekehrt spedierte der von Hitler im Februar 1939 abgesetzte Reichsbankdirektor Hjalmar Schacht ueber die BIZ Geheimdepeschen in die USA. In Bern pflegte McKittrick enge Kontakte zu Washingtons Botschafter Leland Harrison sowie zu dessen Chefspion Allan Dulles. Von Dezember 1942 bis Maerz 1943 weilte McKittrick nach einer abenteuerlichen Reise in den USA und warb sowohl in Washington als auch in New York an der Wall Street - dort erfolgreich - um Verstaendnis fuer die BIZ. Der nach dem Niedergang von J. P. Morgan zum maechtigsten US-Bankier aufgerueckte Winthrop Aldrich, ein Freund Rockefellers, ermunterte ihn, bis zum Kriegsende in Basel auszuharren. Bei Finanzminister Morgenthau in Washington hingegen stiess McKittrick auf eisige Ablehnung. Der Minister wollte die BIZ schliessen und haette es im Juli 1944 auf der Konferenz von Bretton Woods mit der von ihm persoenlich durchgeboxten Liquidations-Resolution auch fast geschafft.
Wenn es trotzdem anders kam, so vor allem deshalb, weil die BIZ 1946 eine aktionsfaehige internationale Finanzinstitution ohne die Mitgliedschaft der Sowjetunion war. McKittrick wechselte zu den Organisatoren des ersten Marshallplans in Paris, und die BIZ wurde zur Clearing-Stelle der Europaeischen Zahlungsunion (EZU) ausgebaut.
* Gian Trepp ist freischaffender Wirtschaftsjournalist und Verfasser eines Buchs ueber die Bank fuer Internationalen Zahlungsausgleich im Zweiten Weltkrieg.