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Von Gian Trepp
Privatbankier Hans J. Bär lässt sich heute für den
Finanzplatz Schweiz einspannen, wenn es um die Suche nach
nachrichtenlosen Vermögen von Holocaustopfer geht. Das ist nicht
selbstverständlich, denn die jüdische Familie Bär erlebte während des
Zweiten Weltkrieges eine schwierige Zeit. Hans Bärs Onkel Walter J.
Bär musste damals auf Druck der Nazis als Präsident des Zürcher
Börsenvereins zurücktreten
Ende Juni 1940, nach dem Sieg Frankreichs, stand Nazideutschland auf dem
Höhepunkt seiner Macht. Die nunmehr völlig von den Achsenmächten und ihrer
Marionette Pétain in Vichy eingeschlossene Schweiz reagierte widersprüchlich.
Während Bundesrat Marcel Pilet-Golaz im Radio seine berühmtberüchtigte
Anpapasserrede verlas, rief General Guisan auf dem Rütli zum Widerstand auf.
Gleichzeitig drängten führende Zürcher Finanzkreise auf die Wiedereröffnung
der seit dem 10. Mai 1940 geschlossenen Börse - für den jüdischen
Präsidenten des Zürcher Effektenbörsenvereins Walter J. Bär eine explosive
Situation.
Anders als im Ersten Weltkrieg, wo die Börse nach Kriegsausbruch im August
1914 sofort geschlossen wurde, war der Zürcher Ringhandel im September 1939
bruchlos weitergegangen. Erst die deutsche Invasion Belgiens und Hollands vom
10. Mai 1940 brachte die Schreihälse schliesslich zum Verstummen. Bundesrat und
Nationalbankdirektorium hatten einen allzu starken Verkaufsdruck auf
Bundesobligationen befürchtet, was eine unerwünschte Zinssteigerung, sprich
Verteuerung der Staatsschuld, zur Folge gehabt hätte, und verboten dem
Effektenbörsenverein die Wiedereröffnung des Handels in Aktien und
Obligationen.
Im Frühling 1940, parallel zum raschen Vorstoss der deutschen
Panzerdivisionen in Frankreich, wuchs der Druck der Grossbanken und
zürcherischer Finanzkreise auf den Bundesrat. Immer dringlicher verlangten die
Banken die Wiederherstellung des freien Marktes für Wertpapiere. Neben dem
inländischen Markt wartete auch das Ausland auf die Preissignale vom Zürcher
Ring. Die Besetzung von Paris, Brüssel und Amsterdam hatte Zürich zur
bedeutendsten kontinentaleuropäischen Börse ausserhalb des direkten
Nazi-Machtbereichs gemacht. Devisenprobleme für ausländische Börsenteilnehmer
gab es keine, der Schweizer Franken war die einzige Währung der Welt, die vom
Anfang bis zum Ende des Krieges frei gehandelt wurde. Doch solange der Bundesrat
die Börsenöffnung untersagte, konnten die Börsenbanken den erhofften
Goldregen von Gebühren, Courtagen, Kommissionen und Kursgewinnen nicht
geniessen.
Ein Dorn im Auge
Am 1. Juli 1940 kam es schliesslich zur inoffiziellen Börsenöffnung, eine
Woche später wurde der Ringhandel auch offiziell wieder eingeläutet. In der
Folge standen die Kriegsjahre an der Zürcher Börse im Zeichen einer stetigen
Aufwärtsbewegung, was sich im Anstieg der Einnahmen aus den kantonalen
Konzessions- und Kotierungsgebühren niederschlug: Sie stiegen von 1940 bis 1945
von 306 000 Franken auf 415 000 Franken. Am hellsten leuchtete die Zürcher
Börsensonne im Herbst 1941, bevor die Rote Armee der deutschen Blitzkriegstrategie in den
Schützengräben vor Moskau und Leningrad das Genick brach. Und bei den hiesigen
Börsianern die Trendwende einleitete.
Wegen seiner jüdischen Herkunft lastete der Börsenpräsident Walter J. Bär
schon vor der Börsen-Wiedereröffnung als schwere Hypothek über dem
Finanzplatz Zürich. Den Nazis war der erfolgreiche jüdische Privatbankier von
der Bahnhofstrasse schon früh ein Dorn im Auge gewesen, bereits am 24. Oktober
1936 wurde der vielgelesene Wochenbericht der Bär-Bank im Reich verboten.
Unterzeichnet war der Erlass von Reichsführer SS Heinrich Himmler persönlich,
der Kampf gegen die Juden im Finanzbereich war bei den Nazis eben Chefsache. Bis
1938 hatte Himmler die Institute der alteingesessenen jüdischen
Bankiersdynastien in Deutschland arisiert, nämlich die Häuser Warburg in
Hamburg, Mendelssohn und Bleichröder in Berlin und Rothschild in Wien. Auch die
Juden aus den Chefetagen der deutschen Grossbanken waren dem Nazi-Rassenwahn
geopfert worden, etwa Oscar Wassermann und Theodor Frank von der Deutschen Bank.
Carl Melchior, der jüdische Vertreter der Deutschen Reichsbank bei der
Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel hatte bereits vorher gehen müssen.
Ein Jude als Zürcher Börsenpräsident war eine politische
Provokation ersten Ranges gegenüber Nazideutschland. Eine Provokation, die
möglicherweise sehr teuer zu stehen kommen konnte. Sollte es zum offiziellen
deutscher Börsenboykott kommen, drohte der Finanzplatz Zürich in der eben
anhebenden Börseneuphorie des nazidominierten «Neuen Europa» ins Abseits zu
geraten. (Im besetzten Brüssel beispielsweise stieg der Index der Aktienpreise
von Mai 1940 bis Dezember 1941 um 350 Prozent.) Damit wären im Sommer 1940 die Hoffnungen der
Schweizer Finanzleute auf satte Börsengewinne im Eimer gewesen. Zudem hätte ein Ausfall der
Börse die dissuasive Wirkung des neutralen Finanzplatzes auf Einmarschpläne der Wehrmacht abgeschwächt. Die
devisenhungrige deutsche Kriegsmaschine
brauchte den Finanzplatz Schweiz, um Franken, Dollars und englische
Pfund) zu beschaffen, mit denen Kriegslieferungen neutraler Staaten
wie der Türkei, Spanien, Portugal, oder Argentinien bezahlt werden konnten.
Bezahlt wurden diese Devisen mit Raubgold und gestohlenen Wertpapieren aus den
besetzten Gebieten und von enteigneten Juden - wozu eine gut
funktionierende Börse nötig war.
Angst vor Börsenboykott
Vor diesem bedrohlichen Hintergrund trat Walter J. Bär im Sommer 1940 als
Effektenbörsenpräsident zurück und emigrierte mit seiner Familie kurz darauf
nach New York. Weil Sitzungsprotokolle und andere Dokumente aus dem Archiv des
Effektenbörsenvereins bislang noch nie von unabhängigen Historikern oder
Historikerinnen gesichtet werden durften, sind die genauen Umstände seiner
Demissionierung bis heute unbekannt. So kann man nicht ausschliessen, dass bei der Demission Walter Bärs neben wirtschaftlichem und
verteidigungspolitisch motiviertem Schweizer Gehorsam gegenüber den Nazis auch
der Antisemitismus eine Rolle spielte. Wenig wahrscheinlich ist aber die These,
dass Walter Bär persönlich die Nerven verlor und in Panik nach New York flüchtete,
während sich der Effektenbörsenverein heroisch mit seinem jüdischen
Präsidenten solidarisierte. Die Bankiers hätten in diesem Fall als Ersatz auf
den nie emigrierten jüngeren Bruder von Walter Bär, nämlich Werner Bär
zurückgreifen können.
Wie auch immer: Der sang- und klanglose Abgang ihres langjährigen
jüdischen Präsidenten im Jahre 1940 bleibt ein dunkles Kapitel in der
Geschichte der Zürcher Börse, das noch immer darauf wartet, genauer ausgeleuchtet zu
werden.
Walter J. Bär
Die Familie Bär stammt ursprünglich aus dem deutschen Heidelsheim (heute
ein Stadtteil von Bruchsal) und war 1885 nach Basel gezogen. 1897 kam der
zweijährige Walter nach Zürich, wo sein Vater Julius als Teilhaber beim
Börsenunternehmen Hirschhorn & Grob einstieg, das 1901 in Julius Bär &
Co. umbenannt wurde. Das Schweizer Bürgerrecht im Jahre 1907, die
Vizepräsidentschaft von Julius Bär beim Zürcher Effektenbörsenverein und
schliesslich das Kavallerieleutnantspatent für Sohn Walter krönten die
Emanzipation der kurpfälzischen Judenfamilie in Zürich. Ein beachtlicher
Aufstieg: Das Geburtshaus von Julius Bär an der Heidelsheimer Judengasse war
1848 bei Pogromen noch geplündert worden. Als der Stammvater der Bank Bär
schliesslich im Jahre 1922 starb, meinte die «Neue Zürcher Zeitung»,.
«Julius Bär war ein aufrechter, überzeugungstreuer Jude, der an die
völkerversöhnende Mission des Judentums fest glaubte.»
Die Führung der renommierten Zürcher Bank übernahm danach Walter J. Bär
zusammen mit seinem Bruder Werner Bär und Partner Hans Mayenfisch. Er trat
dabei nicht nur im Zürcher Effektenbörsenverein, dessen Präsidentschaft er
1931 übernahm, in die Fussstapfen seines Vaters Julius, sondern auch im
jüdischen Gemeindeleben. Walter war Präsident des Schweizerischen
Israelitischen Altersasyls in Lengnau und setzte die bereits vom verstorbenen
Vater gepflegte Hilfe für die Juden in Palästina fort. Durch seine Frau
Marie-Blanche Halperine, deren Familie 1918 von den Bolschewiken aus Kiew nach
Lausanne vertrieben worden war, hatte Walter Bär Freundschaft mit dem
führenden Zionisten Chaim Weizman geschlossen. Der aus der Ukraine stammende Weizman
wurde 1947 Zum ersten Präsidenten Israels gewählt.
Dass er als Jude vom Zürcher Effektenbörsenverein angesichts der tödlichen
Bedrohung durch die Nazis fallengelassen worden war, muss das Vertrauen von
Kavallerieoffizier Walter Bär in den Widerstandswillen der Schweiz massiv
erschüttert haben. Im Oktober 1940 flüchtete er mit seiner Familie nach New York
und gründete dort eine Auffanggesellschaft für die Eigen- und Kundenvermögen
der Julius Bär& Co. Sein Bruder Werner Bär und Partner Hans Mayenfisch
führten die Bank in Zürich weiter. Ebenfalls in die USA auswandern wollte
ETH-Physikprofessor Richard Bär, der zweite Bruder von Walter Bär, der nach
dem Fall Frankreichs vom Sieg Hitlers überzeugt war. Doch Richard starb wenige
Tage vor der geplanten Abreise nach New York an einer unheilbaren Kranket, und
seine Witwe musste die grosse Reise mit ihren vier Kindern alleine antreten.
Während Walter Bär bereits im August 1941 wieder nach Zürich zurückkehrte,
kehrten Frau und Kinder des verstorbenen Richard Bär erst nach dem Krieg wieder
nach Zürich zurück.
Eines dieser Kinder, nämlich Hans J. Bär, vertrat im April 1996 die
Interessen der Schweizer Banken in den Hearings, die der US-Senat über die
nachrichtenlosen Vermögen von Holocaust-Opfern auf Schweizer Banken organisiert
hatte.
Die Weltwoche, Nummer 22/30. Mai 1996
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