Mani Pulite greifen nach Chur

Ständerat Cavelty, seine Firmen und die italienischen Schmiergelder

Die Mailänder Staatsanwaltschaft hat bei einigen Tochtergesellschaften des italienischen Eni-Konzerns dreissig bis vierzig Millionen Franken neue Schmiergelder entdeckt. Untersucht werden neben der Saipem neu auch die Snam, die Enichem und die Oleodotto del Reno SA in Chur: alles Firmen, in deren Schweizer Verwaltungsräten der Churer Ständerat Luregn Mathias Cavelty eine Rolle spielt - aber von Schmiergeldern natürlich nichts weiss.

Von Gian Trepp und Paolo Fusi

Der Bündner CVP-Ständerat Luregn Mathias Cavelty ist von Beruf Rechtsanwalt und sitzt in den Verwaltungsräten einiger wichtiger Schweizer Tochtergesellschaften des grossen italienischen Öl- und Gaskonzerns Eni. Cavelty ist Präsident der Saipem AG Zürich, Verwaltungsrat der Saipem International Holding AG, Zürich, der Enichem Distribution SA, Lugano-Viganello, der Oleodotto del Reno SA, Chur, und der Snam International Holding AG, Zürich. Als die WoZ am 14.Mai 1993 erstmals von Schmiergeldzahlungen der Saipem AG, Zürich, berichtet hatte, dementierte Cavelty diese Meldung umgehend in der «Bündner Zeitung»: «Die Saipem AG Zürich hat nie wissentlich Gelder ohne Gegenleistung an Parteien oder Privatpersonen in Italien oder anderswo bezahlt.» («Bündner Zeitung» vom 27.5.93)

Einige Tage später gestanden die Manager von Saipem Milano dem Mani-Pulite-Staatsanwalt Gherardo Colombo den Einsatz der Saipem AG Zürich als Durchlaufstation für die Bezahlung von Schmiergeldern in zweistelliger Millionenhöhe - und Cavelty musste sein vollmundiges Dementi zurücknehmen. («Bünder Zeitung» vom 18.6.93) Er sprach von zwanzig Millionen Franken, «die man als problematisch bezeichnen könne», betonte jedoch, dass die von Saipem Zürich geleisteten Zahlungen stets mit glaubhaften und korrekten Begründungen im Auftrag der Saipem Milano abgewickelt worden seien. «Von der Saipem Zürich aus ist nichts Unrechtes geschehen, wir haben hier weder schwarze Konten noch nichtregistrierte Ein- und Ausgänge von Geldern gehabt.» Kurz: Schuld sind allein die Italiener.

Zuständig für das Tagesgeschäft der Saipem Zürich war der langjährige Delegierte des Verwaltungsrates, der Italiener Nicola Grillo, der von Staatsanwalt Colombo Ende Mai 1993 für einige Tage festgenommen und verhört worden war. Danach kehrte Grillo nicht mehr in seine Position zurück. Das neue Saipem-Management bot ihm einen besser bezahlten Job in Mailand an, Grillo lehnte jedoch ab und liess sich frühzeitig pensionieren.

Unterdessen ist fast ein Jahr vergangen. Aber die Eni-Schmiergeldgeschichten sind nicht zur Ruhe gekommen. Im Gegenteil. Mitte Februar 1994 ging in Italien die Meldung durch die Presse, dass die Untersuchung von Staatsanwalt Gherardo Colombo bislang nicht bekannte Schmiergeldzahlungen in der Höhe von dreissig bis vierzig Millionen Franken aufgedeckt habe. Darin verwickelt sind neben Saipem auch Snam und Enichem, beides Gesellschaften, bei deren Schweizer Töchtern Cavelty ebenfalls im Verwaltungsrat sitzt. Die bisherigen Untersuchungen Colombos haben ergeben, dass die Eni und ihre Töchter in der Schweiz, in Liechtenstein, Luxemburg und anderswo Dutzende von Briefkastenfirmen zur Verschleierung von Schmiergeldtransaktionen unterhalten haben. Auch die Buchführung der Saipem Zürich macht einen dubiosen Eindruck. Der WoZ liegt eine gezinkte Abrechnung vor, welche aus einer Taxifahrt Nicola Grillos nach Vaduz eine Rechnung für eine Fahrt nach Lugano macht. In Mailand wird nicht ausgeschlossen, dass in nächster Zeit zwecks Beschlagnahmung der Buchhaltung von Saipem Zürich ein Rechtshilfegesuch eintrifft.

In den vergangenen Tagen konnte die WoZ aus gewöhnlich gutinformierten Kreisen in Mailand zudem in Erfahrung bringen, dass im Palazzo di Giustizia auch gegen die Oleodotto del Reno, Chur, ermittelt wird. Diese Gesellschaft betreibt das Schweizer Teilstück vom Splügenpass bis St. Margrethen der Eni-Pipeline von Genua zur Agip-Raffinerie im bayerischen Ingolstadt. Die dreissigjährige Pipeline ist ein grosses Risiko für die Trinkwasserversorgung im Bodenseeraum. Bei der Oleodotto del Reno hatte Cavelty als junger Anwalt aus der Provinz vor über dreissig Jahren seine erfolgreiche Karriere als Eni-Vertreter in der Schweiz begonnen. Die genauen Aktivitäten der Oleodotto del Reno und ihre Verbindungen zur Schweizer Eni-Tochter Snam sind von aussen nicht durchschaubar. Auf entsprechende Fragen wollte Cavelty partout keine Auskunft geben.

Das hartnäckige Schweigen Caveltys, der entweder als Präsident oder als Mitglied des Verwaltungsrates von Schweizer Eni-Töchtern total eine halbe Milliarde Franken Kapital vertritt, ist verdächtig. Wenn er als formal oberster Verantwortlicher der Saipem Zürich wirklich nichts wusste von den Schmiergeldern, die Saipem Zürich bezahlt hat, dann wurde er von Nicola Grillo hintergangen, und man würde zumindest erwarten, dass er - gleich wie seine italienischen Amtskollegen - zurücktritt.

Inzwischen sind auch die Geschäfte der Saipem in Moskau Gegenstand einer Untersuchung der Mailänder Staatsanwaltschaft. Dort war ein seit Jahren in Moskau lebender Bruder des Saipem-Zürich-Delegierten Nicola Grillo für die Saipem tätig gewesen.

In seiner Gegendarstellung vom 8.Oktober 1993 bestritt Cavelty die von der WoZ verbreitete Meldung, er sei am 16.Januar 1993 in einem Eni-Privatjet von Kloten nach Moskau geflogen. Mündlich hat Cavelty gegenüber der WoZ noch präzisiert, er sei damals nicht nach Moskau, sondern nach Tunis geflogen. Es besteht keinerlei Veranlassung, Herrn Cavelty keinen Glauben zu schenken. Belegt ist aber zumindest ein Flug Nicola Grillos von Kloten nach Moskau.

Im Zusammenhang mit Saipem gehen die Staatsanwaltschaften von Mailand und Rom ausserdem seit Monaten der Frage nach, welche Geschäfte eine Schweizer Gesellschaft namens Enico für die Eni in Moskau macht. Rein formaljuristisch hat die Enico nichts mit der Eni zu tun. Präsident der Enico ist jedoch Gianfranco Antognini, der Generaldirektor der (Bankverein-Tochter) Banca della Svizzera Italiana. Diese hat im grössten aller italienischen Schmiergeldskandale, dem Fall Enimont, als Durchlaufstation eine wichtige Rolle gespielt. Verwaltungsrat der Enico ist Giangiorgio Spiess, Geschäftsleiter der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft und Schweizer Anwalt von Licio Gelli, dem Grossmeister der putschistischen P2-Freimaurerloge. ·

Freundschaftsdienste

Der Nationalrat hat am Dienstag über das Malaise zwischen Deutsch- und Westschweiz debattiert. «Wir sollten uns ein wenig ineinander verlieben», forderte Leni Robert ihre RatskollegInnen zu frühlingshaftem Treiben auf, andere wollten den welschen Mitmenschen einfach mal besser kennenlernen und intensiver spüren. Vorerst konnte die grosse Liebe jedoch noch nicht einmal platonisches Niveau erreichen: Die Bänke der DeutschschweizerInnen waren mehrheitlich leer, die Herr- und Damenschaften diesseits des Röschtigrabens übten wohl erst mal noch unter ihresgleichen. Einige VotantInnen machten für das frostige Klima zwischen den Sprachregionen den Gebrauch des Schweizerdialekts verantwortlich. Gesucht wären also eher nonverbale Formen der Kommunikation, und da ist der Nationalrat schon oft mit gutem Beispiel vorausgegangen: Die SitzungsschläferInnen aus West und Ost schnarchen alle ungefähr im gleichen Takt und ähnlich diskret.

Eher für sich sein will in der Regel der Einsiedler. In der Schweiz fristen zur Zeit deren sechs ihr Dasein. Mitgezählt sind auch zwei Mönche, die im Tessin leben: Weil die Haushaltsführung rationeller sei, sind sie zusammengezogen. Der Beruf des Einsiedlers erhält mit der Erweiterung auf das Zweisiedlertum gewiss einen neuen Anreiz. Wenn sich der traditionelle Flügel dieser Bewegung nicht wehrt, kann sich bald schon jede Grossfamilie als Einsiedelei ausgeben.

Bald nicht mehr allein sein muss die Steinskulptur «Der Fixer», den die Bildhauerin Lilian Hasler für Zürich geschaffen hat, die aber aus Zürich verbannt worden ist. Der Liechtensteinische Kulturbeirat hat Interesse bekundet, das Kunstwerk im Vaduzer Bankenviertel aufzustellen. Dort eckt das Sujet weniger an. Echt subversiv wäre es dagegen, am Objekt noch ein wenig herumzuspitzen und aus der Spritze zum Beispiel eine gefüllte Brieftasche zu basteln: «Der Steuerflüchtling» müsste wohl mit einem geringeren Kunstinteresse rechnen.

Immer weniger Interesse können die deutschen Soldaten für ihre Arbeit aufbringen. Der Wehrbeauftragte Alfred Biehle kritisierte aufs schärfste die Sparmassnahmen im Armeebereich. «Die Motivation der Soldaten nimmt grossen Schaden», warnte er. Zum Beispiel kämen sie sich lächerlich vor, wenn sie aufgrund der Sparmassnahme, dass nicht mehr mit Munition geschossen werden darf, «den abgegebenen Schuss mit Peng-Peng-Rufen oder den Panzerschuss mit Bum-Bum darstellen müssen». Da kann man ja nur hoffen, dass die Wehrübungen den Soldaten in Fleisch und Blut übergehen. In einem richtigen Krieg ist der Feind sicher froh, wenn ihm statt mit unangenehmem Kugelhagel nur mit scharfen verbalen Attacken der Garaus gemacht wird.

Kein Zacken aus der Krone gefallen ist dem Münchner Dreisternekoch Eckhart Witzigmann, der vor einem Jahr wegen reichlichem Kokainerwerb für den Eigenbedarf zu zwei Jahren bedingt verurteilt worden ist. Dessen ungeachtet hat ihn der Restaurantführer Gault Millau zum «Koch des Jahrhunderts» gewählt. «Witzigmann hat den Deutschen am intensivsten beigebracht, dass sie den Mund auch kulinarisch vollnehmen können», hiess es in der Laudatio. Die Tatsache, dass der begeisterte Kokser ebenfalls gezeigt hat, dass die Deutschen auch die Nase ordentlich vollnehmen können, ist allerdings unter den Tisch gefallen.

Als geschmacklich nicht eben vom Feinsten muss der Vorschlag des amerikanischen Anwalts Thomas Jacobson gewertet werden, den Kühlschrank des Massenmörders Jeffrey Dahmer versteigern zu lassen. Dahmer hatte siebzehn junge Männer umgebracht, ihre Körper zerstückelt und in ebendiesem Kühlschrank kalt gestellt. Die persönlichen Gegenstände von Adolf Hitler seien schliesslich auch unter den Hammer gekommen, meinte der geschäftstüchtige Anwalt auf Anfragen bezüglich seines Geisteszustandes. Immerhin: Auf die Idee, Hitlers Gaskammern dem Meistbietenden zu veräussern, ist nicht einmal seine sonst um keine absurde Idee verlegene Anhängerschaft gekommen.

mif.

Eni und Saipem in Algerien, Irak, Norwegen, Nigeria usw.

Schmieren und Salben

Vor einem Mailänder Gericht bestätigte Eni-Boss Franco Bernabe am 9.Januar 1994 Schmiergeldzahlungen der Eni-Gruppe von insgesamt rund 500 Millionen Franken. Firmen der Eni-Gruppe hätten wissentlich Geld an eine Kette von Gesellschaften in Steuerparadiesen ausbezahlt, dafür falsche Belege erhalten, die sie in ihren Bilanzen ausweisen konnten. Die Schmiergelder dienten zur Akquisition von Aufträgen im Ausland oder waren für die italienischen Regierungsparteien bestimmt. Zu den Eni-Töchtern mit den grössten Schmiergeldkassen gehörte die Saipem Zürich. Gespeist wurden diese Kassen von Briefkastenfirmen auf sogenannten «off shore»-Finanzplätzen wie zum Beispiel der International Investment Development Ltd. Guernsey, Britische Kanalinseln, oder der International Chemtrade & Finance Establishment AG, Vaduz. Solche Phantomfirmen produzierten fiktive Rechnungen und leiteten Zahlungen weiter. Geführt wurde diese Kette von Roger G.Francis, der rechten Hand des Eni-Schwarzgeldzahlmeisters Pierfrancesco Pacini Battaglia von der Karfinco-Bank in Genf.

Im folgenden dokumentieren wir einige der bislang bekanntgewordenen Einzelfälle von Saipem-Zürich-Tangenti.

Fall Transmed

Zurzeit arbeitet die Saipem an der Verdoppelung der bestehenden Unterwasserpipeline zwischen Algerien und Italien. Um diesen Auftrag zu bekommen, bezahlte Saipem gemäss Mailänder Staatsanwaltschaft im Jahre 1990 Schmiergelder in der Höhe von 33,65 Millionen Dollar an den in Genf lebenden Omar Yehia. Dieser ist Libyer, arbeitet jedoch nicht für Gaddafi, sondern für Algerien. Eni-Schwarzgeldzahlmeister Pacini Battaglia beschrieb Omar Yehia den Mai-länder Richtern wie folgt: «Wer mit dem [damaligen] algerischen Präsidenten Chadli ins Geschäft kommen will, kommt nicht um ihn herum. Er ist auch der Mann, der die Geschäfte von Giulio Andreotti [damals italienischer Ministerpräsident] und der Staatsholding IRI in Nordafrika führt.»

Kurz nachdem Chadli der Saipem den grossen Pipeline-Auftrag zugesprochen hatte, wurde er gestürzt. Das Bestechungsgeld für die Algerier war auf das Konto 61900 bei der United Overseas Bank in Genf einbezahlt worden, dessen Inhaber ein Mitarbeiter Yehias namens Ken Scott war. Gemäss Aussagen Pacini Battaglias bekam Scott 22 Millionen Dollar ausbezahlt. Der Rest von 11 Millionen Dollar wurde wie folgt verteilt: 2,1 Millionen Dollar flossen in Form von Wertschriften zum Eni-Manager Paolo Ciaccia. Rund neun Millionen Dollar wurden auf das Konto 14925/SCT Albatros bei Edmond Safras Republic National Bank in Genf einbezahlt. Dieser Betrag war zur Auszahlung an die Eni-Manager und die italienischen Parteien vorgesehen. Der oberste Saipem-Präsident Gianni Dall'Orto kassierte 310000 Dollar. Ein hoher libyscher Beamter kassierte von Dall'Orto 1,4 Millionen Dollar. Gut drei Millionen Dollar nahm Pacini Batta-glia zwecks Weiterleitung an die italienischen Regierungsparteien und als Kommission für die Karfinco-Bank. Für die Weiterleitung von der Karfinco nach Italien war die Fimo in Chiasso besorgt; jene Firma, deren Präsident damals der heutige Volksbank-Präsident Gianfranco Cotti war.

Fall IPSA/2

Im Jahre 1987 wollte Saddam Hussein für den Export des irakischen Erdöls eine Pipeline von Saudi-Arabien zum Mittelmeer bau-en. Um sich diesen Riesenauftrag unter den Nagel zu reissen, nahm Saipem Kontakt zu Saddams Freund Nadhmi S.Auchi auf. (Der in London residierende irakische Waffenhändler Auchi ist auch Geschäftspartner von Titto Tettamanti.)

Gegenüber den Mani-Pulite-Staatsanwälten sagten Saipem-Präsident Dall'Orto und Pacini Battaglia aus, sie hätten von Saddam den riesigen Pipeline-Job (Auftragssumme 422 Millionen Dollar und 649 Millionen DM) nur bekommen, weil sie ihn gut geschmiert hätten. Die bezahlte Tangente hätte sich auf 20,28 Millionen Dollar und 31,178 Millionen DM belaufen. Der Grossteil ging an Auchi zuhanden Saddams, der andere Teil wie beim Fall Transmed an verschiedene Eni-Manager und an die Regierungsparteien.

Fall Statoil

Im norwegischen Stavanger untersucht Richter Anstein Gjergendal gegen Saipem Zürich und die deutsche Mannesmann wegen Verdachts auf Bestechung der staatlichen Ölgesellschaft Statoil. Dabei nahm er auch den lokalen Statoil-Manager Magne P.Nielsen für einige Zeit in Untersuchungshaft. Genaueres ist bislang noch nicht bekannt, denn Gjergendal hat eine Informationssperre über die laufenden Untersuchungen verfügt.

Fall Nigeria

Im Jahre 1988 bezahlten Nicola Grillo, Verwaltungsratsdelegierter der Saipem Zürich, und Roger Francis, Chef der Eni-Briefkastenfirmen, 7,5 Millionen Franken an einen gewissen Anwalt Emmanuel in London. Er ist Inhaber der Firma Panoil & Communications Ltd., die das Geld nahm und zu Bestechungszwecken nach Nigeria weiterleitete.

Gian Trepp, Paolo Fusi

© Wochenzeitung; 18-03-1994; Seite 1; Nummer 11

 

 

 

 
 
 

 

 

 

 

 

            

 

 

 

 

Die Banker machten mit

 

Kommentar Sonntagszeitung
Wirtschaftsjournalist Gian Trepp zum Rey-Prozess

Als Werner K. Rey 1986 die Firma Inspectorate an die Börse brachte, wurde er in den Medien als eine Art Schwalbe des modernen Shareholder-Kapitalismus im angelsächsischen Stil gefeiert. Die Pleite von 1991 liess dieses Geschäft zum gewerbsmässigen Betrug mutieren.

Das Berner Wirtschaftsgericht hat diese gravierendste Anschuldigung von Staatsanwalt Beat Schnell jetzt aber fallen lassen und erkannt, dass Rey bei der Inspectorate niemanden betrogen hat. Vielmehr vergoldete er mit seinen «kreativen» Bilanzverschönerungen nach Ansicht des Gerichts letztlich bloss das Knowhow, das er sich zuvor in London angeeignet hatte. Gehört doch die Kunst, Bilanzen zu schönen, das so genannte «window dressing», zum angelsächsisch inspirierten Börsenspiel wie das Amen zur Predigt.

Verurteilt wurde Rey lediglich wegen eines Betrugsversuchs zu Lasten der Kantonalbank von Bern beim Börsengang der Inspectorate und wegen betrügerischen Konkurses, weil er sein Privatvermögen zu Lasten der Gläubiger zum Scheine vermindert hatte. Dementsprechend blieb die ausgefällte Strafe von vier Jahren Gefängnis deutlich unter den vom Staatsanwalt geforderten zehn Jahren.

Juristisch mögen die Gründe stichhaltig sein, welche das Gericht zum Schuldspruch wegen Betrugsversuchs veranlasst haben. Aus wirtschaftlicher Sicht hingegen vermag dieses Urteil nicht zu überzeugen. Das Inspectorate-Engagement der Kantonalbank von Bern erfolgte nicht primär auf Grund einer gefälschten Erfolgsrechnung aus der Vergangenheit, sondern auf Grund bestimmter Gewinnerwartungen für die Zukunft. Und für das Risiko des Nichteintretens der eigenen Zukunftserwartungen sollte auch die Kantonalbank alleine geradestehen müssen.

Wenn es Rey seinerzeit gelungen ist, die Berner Kantonalbanker um den Finger zu wickeln, so dürfen diese Kreise sich heute nicht einfach hinter dem Gesetz verstecken. Denn die Eigenverantwortung von Bankdirektoren ist allemal höher einzuschätzen als jene von unerfahrenen, getäuschten Kleinanlegern. Wie bei grossen Wirtschaftsdramen üblich, sind auch im Falle Rey Opfer und Täter nicht immer auseinander zu halten. So war die vom Staatsanwalt zum unschuldigen Opfer eines skrupellosen Betrügers hochstilisierte Kantonalbank seinerzeit mit fliegenden Fahnen zu Rey gelaufen und hatte ihm während längerer Zeit durch dick und dünn die Stange gehalten. Andere Institute, wie etwa die Zuger Kantonalbank, die Rey anfänglich ebenfalls mitfinanziert haben, blieben skeptischer und zogen sich rechtzeitig zurück. Das wäre auch der Kantonalbank von Bern nicht verwehrt gewesen.

«Wirtschaftlich ist das Urteil nicht überzeugend»