Bankier des Holocaust 

 
Die geheime Ein-Mann-Filiale der Deutschen Bank in Zürich

Von Gian Trepp 
© beim Autor/DIE ZEIT 1998 Nr. 25 

Alfred Kurzmeyer, Direktor der Deutschen Bank und Privatbankier von SS-Obergruppenführer Oswald Pohl, profitierte während des Krieges vom Gold- und Devisengeschäft zwischen Nazideutschland und der Schweiz. Das Prädikat "Bankier des Holocaust" hat er sich redlich verdient. 

Kurzmeyer, er war deutsch-schweizerischer Doppelbürger, stammte aus Luzern. Dort hatte er eine Banklehre absolviert, war dann über Brüssel nach Berlin emigriert, wo er seit 1910 beim jüdischen Bankhaus Mendelssohn & Co. arbeitete. In den zwanziger Jahren kaufte er sich ins Deutsche Bürgerrecht ein und landete 1938 bei der Deutschen Bank. 

Seinen Aufstieg an die Spitze dieses Instituts, wo er dem für das Auslandsgeschäft zuständigen Vorstandsmitglied Hermann Josef Abs rapportierte, verdankte Kurzmeyer alten Freunden aus der Finanzwelt in Brüssel. Das kam so. Im Sommer 1940 kämpften Deutsche und Dresdner Bank um die Hegemonie auf neueroberten Märkten im Westen. Durch ein Bündnis mit dem belgischen Nazikollaborateur Alexandre Gallopin, Präsident der Großbank Société Générale, entschied die Deutsche Bank die Fehde zu ihren Gunsten - dank Kurzmeyers Verbindungen zu Gallopin. 

Besonders scharf war die Deutsche Bank damals auf die Investitionen der Belgier auf dem Balkan, Kurzmeyer nahm der Société Générale die drittgrößte rumänische Geschäftsbank Banca Commerciala Romana ab. Sie wurde zum Stützpunkt der deutschen Kriegswirtschaft in Rumänien. Neben dem Bankgeschäft war Kurzmeyer in Rumänien auch auf eigene Rechnung tätig. So eröffnete er beispielsweise für die rumänische Transportgesellschaft Carmen treuhänderisch ein Golddepot bei der Schweizerischen Kreditanstalt (heute Credit Suisse) in Zürich. Nachdem die Rote Armee die Nazis aus Rumänien vertrieben hatte, lagerten dort sechs Kilo Gold, 1689 Stück Vreneli (Schweizer 20-Franken-Goldmünzen) und drei goldene Zigarrenetuis. Zugreifen durfte Kurzmeyer aber nicht: Für das Tresorfach galt die Sperre für nazideutsches Vermögen in der Schweiz. Mit der Behauptung, an der Transportgesellschaft bestünden keine deutschen Interessen, verlangte er im April 1946 die Aufhebung der Sperre. Die zuständige Schweizerische Verrechnungsstelle mißtraute Kurzmeyer jedoch und recherchierte in Rumänien. Demnach hatte ein Harry Hamacher aus Berlin das Unternehmen 1940 für ein Butterbrot ihren Besitzern, den jüdischen Gebrüdern Mihailovici, abgenommen. 

Das Depot blieb blockiert und wurde zu einem jener "herrenlosen Depots und Konten", die den Schweizer Banken schließlich zum Verhängnis werden sollten. Es steht auf der im vergangenen Jahr veröffentlichten Liste der Schweizerischen Bankiervereinigung. Nachforschungen über dieses Depot bei der Credit Suisse in Zürich stießen bislang jedoch auf Granit. Für unabhängige Rechercheure sind Schweizer Bankarchive nach wie vor hermetisch verschlossen, das Bankgeheimnis wurde nur für die Forscher der offiziellen Schweizer Historikerkommission von Professor Jean-François Bergier gelüftet. Doch kann der Bergier-Bericht wissenschaftliche Geschichtsschreibung sein, wenn die Überprüfbarkeit seiner Quellen durch Dritte unmöglich ist? 

Deutsche Bank im Hotelzimmer 

"Als es in Berlin brenzlig wurde, siedelte Kurzmeyer nach Zürich über und betreibt seine Geschäfte von hier aus." Das schrieb im Dezember 1944 ein Zürcher Polizeifahnder, der Kurzmeyer im Auftrag der Schweizer Behörden observierte. Anlaß war eine Depesche aus Berlin, die die Zürcher Telegrammüberwachung abgefangen hatte. Text: "An Kurzmeyer, RWM (Reichswirtschaftsministerium) Schmuckverkauf einverstanden." 

Der eifrige Fahnder ermittelte, daß Kurzmeyer seinen Wohnsitz schon im Februar 1944 von Berlin ins vornehme Zürcher Hotel "Savoy" verlegt hatte und von dort aus faktisch eine Filiale der Deutschen Bank betrieb. Eine offizielle Vertretung der Deutschen Bank existierte damals nicht, doch drei Filialen, in denen Kurzmeyer Generalvollmacht hatte, lagen nur wenige Dutzend Kilometer entfernt: in Konstanz, Singen und Lörrach. Als Doppelbürger konnte Kurzmeyer die Reichsgrenze problemlos passieren. Weiter schrieb der Zürcher Fahnder, Kurzmeyer verfüge über beste Beziehungen zur Direktion der Schweizerischen Kreditanstalt und sei als Direktor der Deutschen Bank im Balkan und Türkeigeschäft aktiv. Bestimmt mache er nur große Transaktionen. Er habe als Schweizer Möglichkeiten, die im kriegführenden Deutschland nicht bestünden. Daneben sei Kurzmeyer das, was man im Volksmund als Schieber bezeichne. Ab und zu schleppe er Mappen, ja sogar Köfferchen mit Schmuck und Geldstücken herum und solle damit schwunghaften Handel betreiben. Am 30. August 1945, dem Stichtag der offizielle Inventarisierung des deutschen Auslandsvermögens in der Schweiz, hatte Kurzmeyer für die Deutsche Bank treuhänderisch rund 11 Millionen Franken in Banknoten, Wertpapieren und Gold verwaltet, deponiert bei der Schweizerischen Kreditanstalt in Zürich. Davon rund 1,1 Millionen Franken und 300 Kilogramm Gold für die Filiale Istanbul. 

Opfergoldverkauf in Istanbul 

Erst 1995 verkaufte die Deutsche Bank das Goldquantum von gut 300 Kilogramm - und räumte vor zwei Monaten ein, es könnte sich um Opfergold gehandelt haben. Leider ignoriert die offizielle Schweizer Historikerkommission dies in ihrem Ende Mai 1998 erschienenen Bericht. Unabhängige Rechercheure scheitern auch hier wieder am Bankgeheimnis. 

"Anfangs September 1945", so Kurzmeyer in einem Brief an das Schweizer Außenministerium, "trat ein Herr Neumark, der sich den Titel eines britischen Vice-Konsuls beilegte, an mich heran, um Auskunft über die Depots zu erhalten, welche die Filiale Istanbul der Deutschen Bank in der Schweiz unterhalte. Ich ließ die Frage unbeantwortet und erkundigte mich zunächst hier am Platze über Neumark. 

Es wurde mir gesagt, daß es sich um einen tschechischen Juden handle, der tatsächlich dem hiesigen britischen Generalkonsulat attachiert sei und sich durch ebenso zahlreiche als indiskrete Fragen und Schnüffeleien - namentlich bei hiesigen Banken - schon recht unliebsam bemerkbar gemacht habe." Als Reaktion auf Kurzmeyers Brief signalisierte das Schweizerische Außenministerium der britischen Gesandtschaft in Bern im Februar 1946 volle Zustimmung zum Schweigen Kurzmeyers auf die "unliebsame" Fragerei des "tschechischen Juden". So war das in der Schweiz nach dem Krieg: Statt den Überlebenden zu helfen, schützte man die Täter. Erst nachdem Abs Kurzmeyer brieflich grünes Licht für die Auszahlung aller in der Schweiz deponierten Gelder gegeben hatte, mußte dieser die Millionen herausrücken: an die Deutsche Bank, nicht an die Naziopfer. 

Noch kurz vor Kriegsende machte sich Kurzmeyer in wenigstens einem Fall der SS dienstbar. Um der Gaskammer zu entkommen, hatte der ungarische Jude August Wild im Juli 1944 sein Vermögen dem SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt überschrieben - darunter auch ein Guthaben von 239 000 Franken auf einem Konto der Schweizerischen Kreditanstalt in Zürich. Die Übergabe der Schweizer Lösegeldtranche klappte nicht, der SS-Strohmann in Zürich, ein gewisser Hunsicker, machte Scherereien. Darauf schaltete SS-Obergruppenführer und Waffen-SS-General Oswald Pohl seinen Bekannten Alfred Kurzmeyer ein. 

Gegen eine fette Gebühr transferierten Kurzmeyer und seine Komplizen von der Kreditanstalt das Geld von August Wild im Februar 1945 zur SS nach Berlin. Dort sollen die Franken Hedwig Potthast, der Geliebten Heinrich Himmlers, in der Nachkriegszeit gedient haben. August Wild hingegen wurde auf Befehl von Oswald Pohl erschossen. 

Kurzmeyer beschloß seine Karriere in den Diensten der Deutschen Bank in der Schweiz erst in den fünfziger Jahren. 


Den Umrechnungen der verschiedenen Währungen wurden die Wechselkurse vom Juni 1939 zugrunde gelegt: 1 $ = Fr. 4.40 (1946: Fr. 4.20); 1 £ = Fr. 20.75; 1 RM = 55 Rp.